Warum Leute zusammenkommen

von Robert Zöchling

Dieser problematisch gewordenen Frage widmete der Freibeuter 69/September 1996 seinen Themenschwerpunkt. „Das Leserpublikum hat sich, als organisiertes, kollektiv lesendes oder reagierendes, verlaufen, und der Verleger“ — diesfalls Klaus Wagenbach — „steht, als gerupfter Hahn, auf einem zwar nicht ariden, aber disparaten Misthaufen...“ und damit vor dem Problem: „Wie scharrt man sich ein (Leser-)Publikum zusammen?“. Außer den großen und kleinen Tricks der Verlagsbranche (ein größerer zum Beispiel: Bücher alle paar Jahre unter neuem Titel und neuer Aufmachung wiedererscheinen zu lassen, um die kollektive, wenngleich unorganisierte Vergeßlichkeit des Publikums nutzbar zu hintergehen), gibt Klaus Wagenbach auch Hinweise darauf, wo man heute noch — nein: wieder! — kleine Häufchen von Körnchen Publikums auflesen kann: „Natürlich ist das Leben als Single auch ein Gewinn an Autonomie, aber der Mangel an sozialer Erfahrung, Erschütterung, ja auch Zwang verhindert oft auch den Austausch von Lese-Erfahrungen — nicht von ungefähr erfährt neuerdings eine so altmodische Einrichtung wie der Lesezirkel ein Revival.“

In der Tat: Kreise wie der Kritische, die sich darum bemühen, abhandengekommene Kommunikationszusammenhänge zu ersetzen oder zu rekonstruieren, kommen anscheinend erneut in Mode. Wo die gesellschaftlich vermittelte Kommunikation an ihren medialen und politischen Mainstreams zusammenbricht, suchen Menschen nach anderen Kanälen der Vermittlung, des Austausches von Erfahrungen und Gedanken. In strenger Befolgung der progressiv-regressiven Methode teils unter Rückgriff auf alte Moden, auch wenn sie darüber hinaus gelangen müssen. Um irgendwohin zu gelangen, müssen wir sie aber erst einmal zusammenkommen lassen — denn: „Das zunehmende Tempo unserer Arbeits- und Lebensumstände benachteiligt die Gelassenheit der Erinnerung, die Fähigkeit, Erfahrungen zu vergleichen“.

Der Kritische Kreis gehört sohin der „Entschleunigungsbewegung“ ebensogut an wie „der Linken“ — beide könnten sich eines Tages als Aspekte derselben, sagen wir einmal antikapitalistischen Bewegung erweisen.

Erstveröffentlichung

1997 in Streifzüge 1/1997
© Robert Zöchling

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