Too old to rock ’n’ roll, too young to die

von Iris Kugler

Es ist soweit, wir stehen alle am Bahnsteig unseres Lebens und für die meisten von uns sind jene verschiedenen Züge eingefahren, die später nach verschiedenen Weichenstellungen davonbrausen werden. Was naürlich auch bedeutet, in verschiedene Richtungen.

Die Atmosphäre in der Redaktion ist derzeit ähnlich jener, wenn Keith Richards erklärt, er schafft den Streß nicht mehr und Mick daraufhin überlegt, die Band aufzulösen. Auch wir waren PionierInnen, und was die Steine in die Musik gebracht haben, haben wir mit der Rechtswissenschaft gemacht, nämlich die Auseinandersetzung mit der leicht sperrigen Materie lustvoll gestaltet. Wir schufen uns mit dieser Zeitung ein Nest, wo wir ungestraft denken konnten, wo wir das Fell der juristischen Materie nach Lust und Laune gegen den Strich bürsten konnten.

Ganz egal, ob das Jusstudium in der momentanen Form als organisierter Schwachsinn dargestellt wurde, VfGH-Erkenntnisse zerpflückt wurden, RichterInnen, ProfessorInnen oder sonstige Gelehrte ihrer geistigen Unterhosen beraubt wurden. Egal, ob aufgezeigt wurde, wo sie sich definitiv geirrt hatten und sozusagen Hunde begraben oder blinde Flecken vorhanden waren, Reaktionen erhielten wir bei allem elementaren Grundbedürfnis nach Auseinandersetzung vor allem von einer fortschrittlichen LeserInnenschaft.

Leben und lernen

Weiß Gott wir waren frech. Universiätsprofessoren (ohne Innen), denen die weibliche Wirklichkeit bislang nur in Form devoter Ehegattinnen, anständiger Töchter und ebensolcher Sekretärinnen begegnet war, hatten die Chance, ihr vielleicht ein wenig eindimensionales Bild der Frau zu korrigieren. Es ist leider nachweisbar, daß sie diese Chance, durch unser Blatt zu leben und zu lernen, nicht wirklich wahrgenommen haben.

Und dennoch, so klein unser Blatt war, manchmal kamen fortschrittliche EntscheidungsträgerInnen und bezogen sich in ihren Forderungen auf uns. Oder es gab Ergebnisse von parlamentarischen Ausschüssen, und in der Wortwahl eines Papiers fanden wir unsere eigenen gesalbten Worte wieder. An solchen Tagen spendeten wir für den Stephansdom und brachten ältere Herren über die Straße. Das tat gut und spornte uns an.

Oder all die SympathisantInnen und doch treuen LeserInnen, die es gibt und die uns durch all die Jahre vermittelt haben, daß das, was wir tun, sinn- und wertvoll ist. Und letztlich wir selbst als Gruppe, die wir in diesem Projekt aneinandergewachsen sind. Niemand von uns stünde (privat oder beruflich) dort, wo er oder sie steht, ohne diese Zeitung, die wir sind. Und mit Verlaub, ein wenig sind wir auch stolz auf unser — um im Neuquatschsprech zu reden — Produkt, auf unsere LeserInnen, FörderInnen und SympathisantInnen!!

Hoch die Tassen

Wir sind einstmals angetreten, um die Rechtswissenschaft zu entstauben, um Hintergründe und vor allem Zusammenhänge aufzuzeigen, und es ging uns niemals um einen schnellen Erfolg. Es gab und gibt einen Pool von 5 bis 10 Leuten, die sich für die Produktion des Blattes verantwortlich gefühlt haben und eine große AutorInnenschaft, der es in ihrer Beschäftigung mit dem Recht effektiv um Auseinandersetzung, Veränderung, Bewußtsein, Vermenschlichung, Demokratie und Wahrhaftigkeit gegangen ist. Keiner dieser Personen ging es um Profilierung oder persönlichen Vorteil. Dies läßt sich ohne Zögern und rote Ohren schreiben, weil bei diesem Projekt schnelle Erfolge nicht möglich waren. Was es jedoch zu gewinnen gab und gibt ist unsere gegenseitige Wertschätzung und die der wohlwollenden LeserInnenschaft.

Es gab und gibt Personen, die den Umgang mit uns meiden, weil wir die reine Lehre in Zusammenhänge stellen und immer wieder aufzeigen, daß auch die objektive Wissenschaft von subjektiven Interessen getragen wird.

Ein geistiger Überlebensfaktor

Wenn uns etwas für würdig schien, hinterfragt zu werden, dann taten wir dies immer ohne Rücksicht auf Verluste oder Konsequenzen. Jede einzelne Person, so wie sie alle im Impressum stehen, hat Mut und Rückgrat gebraucht und durch all die Jahre bewiesen, um zu Papier zu bringen, was der geneigten LeserInnenschaft dann das eine oder andere AHA-Erlebnis beschert hat.

Ich für meinen Teil bin stolz, daß ich 10 Jahre lang in dieser Redaktion wachsen durfte. Daß niemals etwas unmöglich war. Daß Denken egal wie weit, egal wohin immer gefordert und gewünscht war. Daß wir viele, viele Wickel miteinander durchgestanden haben, aber nie vergessen haben, daß wir ein Team sind und daß wir ein Projekt gemeinsam gemacht haben und noch machen, das einfach wichtiger war und ist, als irgendwelche Ego-Gymnastik. Wir haben in dieser Redaktion den Luxus einer geistigen Freiheit genossen, wie sie in keinem Blatt dieses Landes zu finden sein wird. Es gab nur ein Prinzip und das lautete: Alles ist möglich und erlaubt.

Für mich war die Redaktion ein geistiger Überlebensfaktor.

Prinzip everything goes

Während an der Universität definitiv nichts möglich war und jedes Denken abseits der Stromlinie als störend oder Hochverrat gedeutet wurde, war im Juridikum genau diese Art zu denken, zu sein, zu leben gefordert und Voraussetzung für die Mitarbeit. Wir waren immer ein auf Selbstausbeutung basierendes Projekt und immer für alles unser eigener Motor. Ich bin zutiefst unglücklich, wenn wir dieses großartige Projekt einstellen müssen, aber ich bin unendlich stolz, 10 Jahre lang Teil dieser Sache gewesen zu sein. Um mit einem abgewandelten Sinowatz-Zitat zu enden: Ohne diese Zeitung gäbe es mich als geistige Existenz nicht.

Erstveröffentlichung

1999 in Juridikum 1/1999
© Iris Kugler

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