Rette uns wer kann

Zu aktuellen Medienbegehren und -entbehrungen
von Robert Zöchling

Einige Zeitungen tragen einen Branchenkampf aus, alle verwechseln das mit Politik und so sieht Politik dann auch aus: Diesfalls treten Falter, Standard und Profil zum offenen Branchenkampf gegen die Mediaprint an, Journalistengewerkschaft und Grüne sind mit von der Partie. Nebenbei soll eventuell der ORF (1.) vor seiner Umwandlung in eine Aktiengesellschaft oder (2.) durch seine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft gerettet werden. Unter dem Titel SOS Medienfreiheit soll das Volk begehren, was die Genannten sich wünschen. Warum denn das? Werfen wir einige würdigende Blicke auf die Wünschenden und ihre Begehren: Das Profil, jahrzehntelang das konkurrenzlose, ideelle Gesamt-News, wird nun in der Konkurrenz mit dem realen Separat-News aufgerieben und mit ihm sein — unter lächerlichem Vorwand entlassener — Herausgeber Hubertus Czernin. Der Standard, der sich in Themenwahl und unergiebiger journalistischer Kolportage kaum von Kurier, Krone oder anderen täglichen, österreichischen Druckwerken unterscheidet, wehrt sich dagegen, durch „mißbräuchlichen“ KroKuWAZ-Monopolismus an seinem Fortkommen gehindert zu werden — zur Herstellung marktlicher Liberalität paradoxer- aber legitimerweise staatlichen Eingriff fordernd. Der Falter, der sich allen Unsinn und alle Unart des sogenannten „Journalismus“ mit geradezu kindischer Ernsthaftigkeit zueigen gemacht hat und sich als die einzige „Alternative“ — und zwar zu allem — darstellt, will sich halt — an sich zurecht — auch nicht von der KroKuWAZ-Kampfmaschine unterkriegen lassen. Alle genannten Zeitungen pfeifen in der Regel auf fast alles, was außerhalb ihrer selbst stattfindet (der Gesetzes- und Verfassungsbruch der Bundesregierung bei der Zuteilung der Publizistikförderung 1995 — vier Zeitschriften aus dem alternativen Bereich wurden willkürlich ausgeschlossen — war beispielsweise nicht ausreichend skandalwertig für einen SOS-Ruf). Manche Texte, die dort so, wie sie sind, nicht erscheinen können (weil zu „schwierig“, zu „kritisch“ oder anderweitig für journalistisch nicht verwertbar befunden), tauchen dann in alternativen Zeitschriften wieder auf (im lieben FORVM wurde daraus zeitweilig eine Serie: „Wer was z.B. nicht druckt“).

Ich will es ihnen nicht Auge um Auge vergelten und stehe deshalb nicht an, mich ihnen ausnahmsweise in einigen Punkten anzuschließen:

Auch dafür

Auch ich bin uneingeschränkt für die Zerschlagung der Mediaprint, ferner für die Zerschlagung regionale und sonstige Märkte beherrschender Medienkonzentrate, kurzum für die Schaffung eines zweckdienlichen Medienkartellrechts. Ich bin dafür, daß JournalistInnen sich auf einem einigermaßen freien Arbeitsmarkt bewegen können sollen, daß die sogenannte „innere Medienfreiheit“ als besonderer arbeitsrechtlicher Schutz der MedienmitarbeiterInnen gepflegt, wenn nötig auch ausgeweitet wird und ich bin ferner dafür, daß der ORF für gute JournalistInnen gelegentlich adäquate Verwendung haben soll.

Weiters dafür

Darüber hinaus — und dem, was Medienpolitk zum Beispiel sein müßte, schon etwas näher — bin ich gemeinsam mit meinen FreundInnen in der Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften für ein Medienrecht, das die Verletzung der persönlichen Integrität auch und gerade jenen Medien verleidet, die daran am besten verdienen (VAZ-Stellungnahme zu dem Entwurf einer Mediengesetznovelle 1992); für die Hintanhaltung von Kommerz und Konzentration im audiovisuellen Bereich, solange und soferne dazu noch eine Chance besteht (VAZ-Stellungnahme: ‚Unerträglich‘ ist nicht nur ein Wort, 1993); gegen die offizielle Anerkennung und für die offizielle Zurückweisung der Diffamierung und Kriminalisierung von Personen, Gruppen, Organisationen, Medien und Denkrichtungen durch im strengen Sinn reaktionäre und als solche gemeingefährliche Strömungen in FPÖ und ÖVP (diverse Stellungnahmen der VAZ in Sachen TATblatt, FORVM, EKG, ZAM, Die Linke und UNITAT 1994 bis 1996); gegen die zu befürchtende wirtschaftliche Bedrohung kleiner Zeitschriften durch erhebliche Verteuerungen und Zugangsbeschränkungen im Postzeitungsdienst (Schreiben der VAZ an Bundesminister Scholten, 21. März 1996); für eine Medienförderung im öffentlichen Interesse anstatt des derzeitigen, vollkommen unsinnigen Verschenkens von hunderten Steuermillionen an Zeitungen, die sie weder verdienen noch brauchen (VAZ-Stellungnahme: Zur Notwendigkeit einer Totalreform der Medienförderung, 1996).

Ceterum censeo

Würde all das realisiert, dann wäre damit einiges gewonnen. Gelänge nicht mehr als die „Zerschlagung der Mediaprint“ und die „Rettung“ von Standard, Falter, Profil (eventuell ORF, siehe oben), dann wäre alles verloren: Es geht nämlich längst nicht mehr um die Sicherung dessen, was in einigen Massenmedien gerade noch möglich ist, es geht um die Herstellung und Förderung all dessen, was in diesen nie möglich war und nie möglich sein wird, weil sie dafür nicht gemacht sind. Es geht um die Herstellung und Förderung wirklicher Medien-Alternativen:

1.

Alternative Medien sind gegenüber dem Markt genauso ignorant, wie Marktmedien gegenüber der Öffentlichkeit. Alternative Medien wollen Öffentlichkeiten herstellen und sich in Öffentlichkeiten bewähren — unwillkürlich stellen sie dabei auch kleine Märkte her und wenn sie geschickt sind, wissen sie das werblich zu nützen. Marktmedien wollen Märkte herstellen und sich auf Märkten bewähren — unwillkürlich stellen sie dabei auch kleine Öffentlichkeiten her und wenn sie geschickt sind, wissen sie das werblich zu nützen.

2.

Alternative Medien fordern ihre LeserInnen heraus, sie verlangen und bekommen ihre Aufmerksamkeit, ihre Teilnahme und ihren Widerspruch. Marktmedien reizen ihre KonsumentInnen, bis sie gekauft sind — dann haben sie ihre Funktion am Leser- und Anzeigenmarkt erfüllt und werden, so sie von Pappe sind, dem Rohstoffmarkt zugeführt.

3.

Alternative Medien sind derweil am erfolgreichsten, wenn sie sich auf die konstruktiven Aspekte kapitalistischen Fortschritts beziehen: Aufklärung, sozialer, demokratischer, menschenrechtlicher, kultureller, allenfalls ökologischer Fortschritt. Marktmedien sind allweil am erfolgreichsten, wenn sie konstruktive wie destruktive Aspekte kapitalistischen Fortschritts zur Unkenntlichkeit belangloser Mitteilungen und begriffsloser Meinungen zerhäckseln — und sich damit, ohne freilich eine Idee davon haben zu können, unter die destruktiven Kräfte mischen.

4.

Alternative Medien haben eine Aufgabe, Marktmedien haben eine Auflage.

5.

Schwach sinniger Weise erhalten hierzulande jene Medien, die eine Auflage haben, offizielle Beachtung und Förderung; jene, die eine Aufgabe haben, hingegen nicht. PolitikerInnen, die den Widersinn, der darin liegt, nicht begreifen, mögen sich zur Schärfung des Verstandes und als Motivationsübung überlegen, was von der Politik bleibt, wenn sie vollständig vom Markt absorbiert wird — gerade so wie die Öffentlichkeiten, von denen PolitikerInnen heute so wenig wissen wollen. Sie werden sehen, was sie davon haben und wir werden den Schaden nicht alleine tragen.

6.

Über die Politikvergessenheit von Politikern zu reden, genügt nicht. Man muß auch über die Ignoranz der „alternativen“ Milieus reden, deren Bedarf an täglich allem durch einige Seiten rosa Papiers offenbar leichtlich zu decken ist, die ihre Meinungen durch etwas wöchentliche Profilierung für ausreichend façonniert halten und die sich unter Kritik kaum noch etwas anderes vorstellen können, als jemanden einen Dolm zu heißen. Sie erbauen sich an Meinungshäppchen (Typ: „Gut/Böse“, Begründung: dürftig bis fehlend), sie verlieren sich in Mitteilungsfetzen (Typ: „In/Out“, Relevanz: vage bis nicht feststellbar) und wähnen sich dabei den anderen täglichen Alleslesern überlegen. Sie beklagen sich gelegentlich darüber, daß die „herrschenden“ Medien die „herrschende Meinung“ wiedergeben und wollen dort ihre eigene — nicht herrschende — Meinung gedruckt und gesendet sehen. Sie begreifen nicht, daß in diesen Medien nur gedruckt und gesendet werden kann, was der Herrschaft des Meinungshaften nicht zuwiderläuft. Innerhalb des Genres „Meinung“ wird die im übrigen gerade „herrschende“ in der Regel die auflagenmaximierende, also bevorzugte sein.

Der Stand der Dinge

Öffentlichkeiten wurden in den vergangen Jahren vom Markt verdrängt oder absorbiert: Zeitschriften im alternativen Bereich mußten eingestellt werden (etwa Wiener Tagebuch, Aufrisse, MOZ, zuletzt unter dem Zeichen der Widerruflichkeit das FORVM), ihre Erscheinungsweise in Frequenz und/oder Umfang reduzieren, ihren redaktionellen und/oder produktionellen Aufwand zu Lasten des Inhalts und/oder des Erscheinungsbildes verringern. Die augenblickliche Lage ist schlecht bis katastrophal schlecht und gibt zu hochfliegenden Hoffnungen keinen Anlaß: Neben der allgemein schlechten Konjunkturlage (Einsparungen in öffentlichen und privaten Budgets) sind die alternativen Zeitschriften auch von der bereits eingangs erwähnten politischen Verunglimpfung und von der ausgangs kritisierten „Indifferenz“ der eigenen „Zielgruppen“ bedroht.

Alternative Medien sind beim gegenwärtigen Stand der Dinge die letzten, die bürgerliche Öffentlichkeit im traditionellen Sinn ernst nehmen, herstellen und hochhalten, auch wenn sie darüber hinaus wollen müssen. Bürgerliche Öffentlichkeit ist indes ein Funktionsbereich, der nur in einem bestimmten institutionellen Gefüge funktioniert: Staat und Politik, Wissenschaft und Kunst. Der Kapitalismus frißt seine Kinder, seine Warenform frißt seine Wissenschaft, seine Politik, seine Kunst. Sie haben ihr historisch Mögliches auch an Aufklärung, auch an Gerechtigkeit, auch an sinnlicher Befreiung getan. Wir müssen nun die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß die seit Jahren zu verzeichnende „Geistlosigkeit der Universität“ (Klaus Heinrich) und — jener davoneilend — der Universitätspolitik eine künftige Universitätslosigkeit des „Geistes“ ankündigt; daß die allenthalben zu beklagende gesellschaftliche Perspektivenlosigkeit der politischen Funktionäre eine künftige Politiklosigkeit gesellschaftlicher Perspektiven ankündigt; daß die aus allen Kanälen rinnende Sinnlosigkeit der Kunstbetriebe eine künftige Kunstbetriebslosigkeit der Sinne ankündigt. Verlieren diese bürgerlichen Formprinzipien an zivilisatorischem, in welch humanistischem Sinne auch immer fortschrittlichem Gehalt, dann funktionieren auch die Bezugnahmen unserer alternativen und also klassisch bürgerlichen Öffentlichkeiten nicht mehr.

Wir sollten daher — um im Rahmen politischer Aktualität zu bleiben — wenigstens die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß die hier zu beklagende, mediale Vernichtung von Öffentlichkeiten die Notwendigkeit der Schaffung künftiger, eventuell „nicht medialer“ oder „transmedialer“ Öffentlichkeiten ankündigt.

Die aktuell spannenden Fragen zum Thema „Medien“ lauten etwa folgendermaßen: Wie weit und wie lange ist die Tendenz zu größtmöglicher Zerstreuung für die größtmögliche Zahl erträglich? Wie zerstreut müssen wie viele sein, bis sie an dieser Gesellschaft zerbröseln oder diese Gesellschaft an sich und ihnen zerbröselt? Oder werden sich welche wo und wie wieder sammeln? Wie mögen solche Sammlungen wohl aussehen? Werden sie für unabsehbare Zeit die Rekonstruktion von Öffentlichkeit im traditionellen Sinn anstreben — am institutionellen Gefüge von Staat und Politik, Wissenschaft und Kunst orientiert — oder wird ihnen, also uns wesentlich Anderes in den zu entwickelnden Möglichkeitssinn kommen? Welcher materiellen Mittel werden wir uns bedienen, welche Formen werden sich als annehmbar, welche alten und neuen Technologien werden sich als nutzbar erweisen?

Eine Empfehlung zum Schluß

Inzwischen empfehle ich, sich an jene bestehenden oder zu schaffenden Medien zu halten, die sich immerhin und mindestens um die Aufrechterhaltung und Entwicklung von Öffentlichkeiten, so wie wir sie gekannt haben werden, bemühen. Die dafür nötige Zeit und Konzentration kann gewonnen werden durch gezielten Konsumverzicht bei anderen Medien.

Erstveröffentlichung

1996 in ad hoc 1/96
© Robert Zöchling

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