Liebe Leserin, lieber Leser!

von Robert Zöchling

Wir hoffen, Sie haben in dem vorliegenden Heft die Zeitschrift erkannt, die vormals den Titel ZOOM trug. Mehrere Umstände haben uns zur Änderung des Titels veranlaßt:

Erstens reden wir schon seit zwei Jahren darüber, daß der Titel ZOOM (ein Kompromißprodukt früheren Brainstormings) zum Charakter einer gesellschaftskritischen, vornehmlich gewalt- und herrschaftskritischen Zeitschrift nicht so gut paßt wie zu einer Filmzeitschrift (die es in der Schweiz tatsächlich gibt und mit der wir bisher häufig verwechselt wurden).

Zweitens erhielten wir vor einigen Wochen ein Anwaltsschreiben des Kindermuseums Zoom im Museumsquartier, mit dem uns dieses fragen ließ, wodurch wir uns zur Verletzung seines Markenschutzes berechtigt glauben. Das hätte man zwar auch ohne anwaltliche Bemühung regeln können, auch trugen wir den Titel schon ein Jahr früher als das Kindermuseum, aber für berechtigt halten wir uns tatsächlich nicht.

Drittens fügt es sich aber glücklich, daß wir vor einigen Wochen auch einen positiven Grund zur Änderung und damit auch gleich einen schönen und geeigneten Titel gefunden haben: Alexander Schürmann-Emanuely ist seit mehreren Jahren „Hereingeber“ eines sehr interessanten Internet-Mediums, dessen Themen und Gestaltungsvorstellungen unseren sehr nahe sind: In den beiden Nummern von Context XXI, die seit 1995 ins Netz hineingewachsen sind, findet man Essays von Bogdan Bogdanovic, Geschichten von Herbert Kuhner, Rückgriffe auf vergessene Literaten wie Hugo Bettauer, Interessantes über Polizeigewalt in Österreich, Veranstaltungs- und Verlagsprogramme genauso wie Werke von solchen, die einfach veröffentlichen wollten. Wir sprachen über unsere jeweiligen Situationen und Vorhaben und kamen dann rasch überein, unsere Bemühungen zusammenzulegen und ein gemeinsames, integriertes Medienprojekt zu stricken, das eine Filiale in der materiellen Welt bedruckten Papiers und eine Filiale in der virtuellen Welt digitaler Signale haben soll. Das Ziel von Context XXI im Internet war bisher, in einer Atmosphäre von Idealismus, Aufklärung und Wahn ein Forum für all jene, die vieles nicht akzeptieren können, zu schaffen — ein Ziel, welches sicher dank der Fusion weiterhin realisierbar bleiben und ausgebaut werden kann. Eine weitere Filiale im Zwischenreich per Funk übertragenen Tons ist in Vorbereitung: das heißt, wir sind gerade dabei, uns für die Produktion von Radiosendungen „fit“ zu machen, wie man heute so sagt.

Erster und wesentlicher Grundgedanke unseres Vorhabens ist, daß es nicht Aufgabe des einen Mediums sein soll, das andere bloß zu spiegeln oder zu archivieren. Unsere gemeinsame Aufgabe wird vielmehr darin bestehen, der jeweiligen Erscheinungsform angemessene Inhalte zusammenzustellen und Gestaltungsweisen zu finden. Eine relative Eigenständigkeit der verschiedenen „Filialen“ ist also vorgesehen. Die Gemeinsamkeit des Projekts bleibt in der Redaktion aufgehoben, in der alle inhaltlichen Beiträge und Wünschbarkeiten vorgeschlagen, beigebracht und diskutiert werden.

Mit dem Vorhaben, alle zur Verfügung stehenden Medienkanäle zu nutzen, verbindet sich nicht das Vorhaben, die Zeitschrift thematisch umzukrempeln: Context XXI soll weiterhin einlösen, was schon ZOOM versprochen hatte. Zugewinne an Beiträgen, AutorInnen, Redaktionsmitgliedern und einen Wiedergewinn thematischer Vielfalt, die ZOOM vor allem im literatürlichen und künstlerischen Bereich schon erzielt hatte, versprechen wir uns von der Verbreiterung des Projekts allerdings schon.

Einen weiteren, sehr erfreulichen Zugewinn dürfen wir bereits bekanntgeben: Ab der kommenden Ausgabe wird die Koordination der Redaktionstätigkeit durch Stephan Grigat besorgt — unseren LeserInnen bereits durch die kritische Erörterung der Frage „Solidarität mit Öcalan?“ aus dem letzten Heft der ZOOM bekannt. Kritik ist nach abgeschlossenem Studium der Politikwissenschaft seine Hauptbeschäftigung, ausgeübt im Kritischen Kreis und in zahlreichen eigenen Veröffentlichungen. Stephan Grigat übersiedelte vor sechs Jahren aus persönlichen Gründen von Berlin nach Wien, was nebenbei auch der Vermeidung des Wehrdienstes dienlich war. In diesem Sommer kann er erstmals wieder gefahrlos nach Berlin reisen und nutzt diese wiedergewonnene Reisefreiheit zu einem zweimonatigen Aufenthalt. Wir freuen uns auf seine Rückkehr im September.

Noch etwas wollen und müssen wir uns versprechen: einen Zugewinn an RezipientInnen, für das vorliegende Produkt bedeutet das einen Zugewinn an AbonnentInnen. Wie ja bereits sattsam bekannt, wurden wir durch die Bemühungen des Abgeordneten Khol in den letzten Jahren um die Publizistikförderung gebracht. Durch die Bemühungen des freien Marktes und dessen, was man so neoliberale Politik nennt, wird auch sonst die Finanzierung eines solchen Projektes schwieriger. Neben einem Höchstmaß aufzubringender taktischer Geschicklichkeit erfordert die wachsende Enge auch ein Mindestmaß an strategischer Perspektive: Es gibt heute im alternativen Bereich keine Zeitschrift mehr, die nicht auf eine spezialisierte Klientel orientiert wäre und so etwas wie Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen könnte. Daran sind zwei Aspekte hervorzuheben und daraus die Schlüsse zu ziehen:

Erstens ist die Möglichkeit der Schaffung einer alternativen Zeitschrift allgemeinen und allgemeinverbindlichen Charakters ex nihilo nicht absehbar. Daher bleibt es allen mehr oder weniger spezialisierten Blättern dieses Bereiches aufgegeben, sich nach ihren Möglichkeiten zu verallgemeinern, das heißt, sich an die Grenzen ihrer inhaltlichen und öffentlichen Reichweite heranzutasten.

Zweitens kann ein gutes Stück an Verallgemeinerungsleistung heute durch die sogenannten neuen Medien erzielt werden, also durch Internet-Medien und — hierzulande auch ein neues Medium — durch freie Radiosender. Weit davon entfernt, gedruckte Medien ersetzen zu können, erreichen sie doch ein anderes Publikum als jene. Kontrastierend zur Diffusions-Diversifikation fehlt in diesen Medien aber weitenteils eine gewisse Inhalts-Konzentration, die am gedruckten Wort Geschulte und Hängende bei allen sonstigen Unzulänglichkeiten doch beisteuern können.

Diese Überlegungen mögen nicht besonders originell sein. Der Versuch, daraus ein praktisches Konzept zu stricken und ein integriertes — hoffentlich auch integrierendes — Projekt in Angriff zu nehmen, ist es schon eher. Wir hoffen, daß uns die Geschichte nicht strafen wird, weil wir zu spät kamen, und uns unsere lieben Lesenden nicht strafen werden, weil wir zu früh kamen.

Erstveröffentlichung

Oktober 1999 in Context XXI 1-2/1999
© Robert Zöchling

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