Ein schwieriges Vergnügen

von Robert Zöchling

Als diese Zeitschrift 1989 erstmals erschien, war gewiß so manches anders als heute. Vor allem war noch manches, dessen beginnenden Verlust zu kritisieren und dessen Wiederherstellung zu verlangen im Laufe dieser zehn Jahre wesentlich zum Geschäft des Juridikum gehörte: In der Chronologie des Projekts allem voran eine politische Bewegung an den Universitäten, bei der es nicht bloß um „Kohle vom Staat“ ging, sondern auch um die Universitäten selbst, um ein inhaltliches Wollen der Studierenden, so vage es sich in der Forderung etwa nach „Freiräumen“ artikulierte und in der Ablehnung eines Absolventen-Produktionsbetriebs bestand, der nicht nur für die kritische Befassung mit Studieninhalten sondern auch für intellektuelle oder sonstwelche Betätigung nebenher keine Zeit lassen würde. Die Umwandlung zur Absolventenfabrik kann heute an den juridischen Fakultäten als weitgehend abgeschlossen betrachtet werden, die Zwangslage erregt Unmut aber sie regt offenbar nicht mehr dazu an, sich in kritische Distanz zu begeben und von dort die Auseinandersetzung mit der Institution zu suchen. Die Entwicklung blieb uns nicht verborgen („Geister-Austreibung“, Juridikum 5/91, S 48), die damals an die Wand gekritzelte Parole, sich „entschiedener auf ein ungewisses Feld außerhalb dieser Institution begeben [zu] müssen“, war wohl damals wie heute zu vage und konnte im Rahmen dieses Projektes so nicht umgesetzt werden. Sie wurde vermutlich auch deshalb nicht als sonderlich drängend erlebt, weil die Zeitschrift im übrigen thematisch und auch sonst noch tadellos funktionierte: Die Kritik der sich gerade in ihrer reaktionären Pracht entfaltenden grund- und menschenrechtsfeindlichen Tendenzen in Gesetzgebung und Vollziehung (vor allem: Polizei, Fremdenrecht), die gleichzeitige Forderung nach nachholender Anhebung grund- und menschenrechtlicher Standards auf ein ideologisch und zum Teil international-institutionell schon erreichtes (oder erreicht geglaubtes) Niveau (etwa: Frauen-Gleichberechtigung, Nichtdiskriminierung von Homosexuellen), die unermüdliche Einbringung von teils mehr und teils weniger radikalen Reformvorschlägen vom Strafrecht über das Umweltrecht, das Wohnungsrecht u.a.m. bis zum Medienrecht — alle diese Themen fanden noch ausreichend AutorInnen und interessierte LeserInnen und ließen die Frage, ob und welche Aufgabe das Juridikum künftig haben könne, nicht allzu emergent auftreten. Einige Debatten, die sich auch im Juridikum ereigneten, gaben aber schon deutliche Hinweise darauf, daß und warum das Feld, auf dem diese Zeitschrift pflügte, möglicherweise endgültig unfruchtbar werden könnte: Politik, Recht, Öffentlichkeit und Wissenschaft sind nicht mehr, was sie (vielleicht auch nur illusionär, aber doch wirksam illusionär) einmal waren: Die Politik läßt keine weitreichenden Gestaltungsansprüche mehr an sich stellen, die Verheißungen des Rechts (mehr oder bessere Ansprüche für alle) machen einen ziemlich erschöpften Eindruck, die Öffentlichkeit weicht einem Gewimmel von images (wie wir sie uns vorgestellt haben wollten existiert sie zur Zeit nur noch residual) und Wissenschaft reduziert sich mehr und mehr auf eine technische, gesellschaftlicher Zwecksetzung und Repräsentation enthobene, Veranstaltung, an der sich Intellektualisierungsversuche einigermaßen vergeblich abstrampeln.

All das sind Phänomene, die allenthalben auch analysiert und diskutiert werden. An dieser Analyse und Diskussion teilzunehmen, war und ist sicher eine der vornehmsten Aufgaben einer Zeitschrift, die mit den Absichten des Juridikum angetreten ist: Die Redaktion hat sich jedenfalls stets redlich bemüht, grundlegend kritische Beiträge zu Staat und Bürokratie, Recht und Grundrechten, Universität und akademischem Berufsstand beizubringen, die ihre Gegenstände nicht als vorausgesetztes Material für Reformen hinnehmen, sondern an ihrer Grundlage und in ihrem Bestand kritisieren. Je deutlicher sich die institutionellen Krisen zuspitzen, umso deutlicher müßte sich wahrscheinlich der Blick von seitwärts distanzieren und sich vorwärts auf gesellschaftliche Möglichkeiten richten, die jenseits dieser Institutionen liegen — oder aber: um so überzeugender müßten Beiträge, die Reformen oder Restaurationen anregen, ausfallen. Solcherart Beiträge beizubringen war, ist und wäre aber der mühsamste Teil der redaktionellen Tätigkeit — von den nichtredaktionellen Aufgaben der Finanzierung, Organisation und Produktion ganz zu schweigen. Die Klagen darüber können hier weitgehend entfallen, da sie ebensogut in den letzten Ausgaben der Zeitschriften nachgelesen werden können, die in den vergangenen Jahren bereits eingestellt werden mußten: im Wiener Tagebuch etwa, in der MONATSZEITUNG oder im FORVM.

Wir alle, die für das Juridikum tätig waren, haben diesen Zeitschriften, ihren Redaktionen und HerausgeberInnen viel zu verdanken: weil sie in der Zeit, in der das Juridikum sein Erscheinen aufnahm, bereits alternative, kritische Öffentlichkeiten geschaffen hatten, auf die wir uns zu einem guten Teil beziehen konnten und weil wir von ihnen lernen konnten, was eine alternative, kritische Zeitschrift überhaupt ist und wie man so etwas, wenn es überhaupt möglich ist, macht.

Ich würde mir, wenn bloße Wünsche irgend eine Aussicht auf Erfolg hätten, wünschen, daß das Juridikum nicht eingestellt werden müßte und wir die Gelegenheit hätten, mitzuverfolgen, wie die Redaktion die inhaltlichen Herausforderungen auf ihren Themenfeldern in den nächsten Jahren bewältigt. Ich verstehe aber und kann tatsächlich körperlich nachfühlen, daß die Redaktion erschöpft und nicht mehr in der Lage ist, auf diese Herausforderungen zuzugehen. Das wäre selbst dann schwierig, wenn die Produktionsbedingungen von Zeitschriften wie diesen in Zeiten wie diesen nicht derart miserabel wären. Die Misere liegt nicht nur darin, daß die Finanzierung eines solchen Projektes als solchem immer schwieriger herstellbar ist. Es kommt noch hinzu, daß die Beteiligten in ihrem Studium und in ihrer Arbeit einem immer höheren Leistungsdruck unterworfen sind, der solch luxuriöse Nebenbeschäftigungen tendenziell ausschließt — und damit uns alle tendenziell um die Vergnügungen des Lernens, des Diskutierens und des gemeinsamen gesellschaftlichen Handelns bringt. Hilfsweise und abschließend wünsche ich mir, daß sich nicht alle Redaktionsmitglieder des Juridikum nachhaltig aus der öffentlichen, womöglich selbst publizierenden Tätigkeit zurückziehen und anderweitig adäquate Betätigungsmöglichkeiten finden. Die Herstellung kritischer Öffentlichkeiten wird sicher noch schwieriger werden, wir werden uns dazu noch einiges einfallen lassen müssen. Umso wichtiger wird es sein, daß bereits erfahrene — und erst recht so vortrefflich erfahrene — FreundInnen daran mitwirken.

Erstveröffentlichung

1999 in Juridikum 1/1999
© Robert Zöchling

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