Das letzte Wort

von Katharina Echsel

Vor 10 Jahren begannen wir auf 16 Seiten grauem Umweltschutzpapier, mit noch händischgeschnittenen und selbstaufgeklebten Bildern. Inzwischen haben wir die 52 Seiten-Marke überschritten und leisten uns zum Jubiläum einen Vierfärber am Cover. Sowas gehört sich einfach.

Aber so sehr sich auch unser äußeres Erscheinungsbild geändert hat, die Themenbereiche, auf die wir immer besonderen Wert gelegt haben, ziehen sich quer durch alle Hefte — einfach deshalb, weil sie damals wie heute gleich bedeutend und aktuell waren und sind.

Am Beispiel Asylrecht

Wir waren 1989 unter den ersten, die über die drohenden Verschärfungen des Asylrechts durch das Schengener Übereinkommen berichteten. Bereits in unserer Nullnummer warnte Thomas Sperlich unter dem Titel „Asylrecht: Wir werden den Schein wahren“ vor der Aushöhlung asylrechtlicher Standards durch die sog. „Schengen-Runde“. Es folgten weitere Artikel, eine Podiumsdiskussion mit internationaler Beteiligung, eine — inzwischen legendäre — Radiosendung, damals noch im Piratenradio „Audi max“ und — 1991 schließlich eine Asylgesetznovelle, mit der Österreich in vorauseilendem Gehorsam de facto die Genfer Flüchtlingskonvention suspendierte. Wir haben weiter dagegen angeschrieben, manchmal schon etwas frustriert, aber niemals zu müde.

Und 10 Jahre danach? Da verfaßt Herr Matzka wieder einmal ein Arbeitspapier zum Asylrecht, dessen Grundtenor mit „Asylwerber stinken, stehlen, rauben, morden und die NGO’s unterstützen sie auch noch dabei“ kurzgefaßt werden könnte; unserem Innenminister fällt zum Krieg im Kosovo in erster Reaktion nichts anderes als das übliche, nämlich „Grenzen dicht!“, ein, und der Verteidigungsminister belästigt uns zur Draufgabe mit dümmlichen Sprüchen — von wegen, jetzt könne man sehen, wie wichtig doch eine NATO-Vollmitgliedschaft für Österreich wäre. Warum? Das hat er uns leider vorenthalten. Vielleicht, um „denen“ mal ordentlich zu zeigen, was richtige Männer sind? Naja, leider wird’s jetzt ja nix mit Rambo-life am Balkan. Dafür dürfen aber 600 der Jungs zum Hilfseinsatz nach Albanien. Vielleich bauen sie dort ein Österreicherdorf, so nach Art der olympischen Spiele? Und für die 600 Mann starke Truppe dürfen sie gleich ein zweites bauen. Die Leute hören ja nicht auf mit Essen, Trinken und Scheißen, nur weil sie im Hilfseinsatz sind. In dem einen Dorf gibt’s dann Gösser-Bier, im anderen Wasser aus Aufbereitungsanlagen. Immerhin!

Und außerdem sind wir auch noch so großherzig, 5000 Flüchtlinge aus dem Kosovo in Österreich aufzunehmen. Daß zugleich tagtäglich sogenannte illegale Einwanderer an unseren Grenzen zurückgewiesen werden — viele von ihnen von so Inseln des Friedens wie Afghanistan oder Irak — schert da niemanden mehr. Ist ja auch weit weg.

Wenn ich jetzt schon so richtig wütend darüber bin, könnte ich noch zu dem Schluß kommen, wir seien auf ganzer Linie gescheitert. Tu ich aber nicht (nicht nur, weil mir meine Chefredakteurin aufgetragen hat, nicht schon wieder so negativ zu sein). Ich bin vielmehr überzeugt, daß wir die Verdumpfbackung dieser Gesellschaft doch um einige schöne Nanosekunden aufgehalten haben. Zumindest. Einfach dadurch, daß wir kritisiert, geätzt und gehörig geschimpft und andere das auch gelesen haben. Und somit informiert waren.

Zum schimpfen, kritisieren und informieren gibt es nachwievor genug. Nur, wir können nicht mehr in der jetzigen Form weitermachen. Und: Wir hoffen, daß es auf andere Art und Weise weitergeht. (Es ist ja nicht so, daß wir nur rechtzeitig aufhören wollen, um uns vor der Rechtschreibreform zu drücken. Oder daß wir jetzt unsere Zeit lieber beim Squashspielen oder auf der Schönheitsfarm verbringen wollen, oder nur um einmal so richtig schön viel Geld zu verdienen. Obwohl ... aber lassen wir das.)

Jetzt gehen ohnehin die Biervorräte zur Neige und der fremde Ellbogen in meinem Rücken mahnt mich nachdrücklich zum Kurzfassen. Da wäre aber noch das — vorerst — letzte Wort zu schreiben. Es sollte witzig sein, und intelligent, nicht zu sentimental und trotzdem aufwühlend, political correct, ermutigend und zukunftsweisend und und ...
Verdammt!

Das letzte Wort jedenfalls ist lang noch nicht gesprochen.

Erstveröffentlichung

1999 in Juridikum 1/1999
© Katharina Echsel

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