Always on my mind!

von Valentin Wedl

Wenngleich ich nicht zu den PionierInnen der Zeitschrift zähle, was an meiner mangelnden Affinität zur Lederjacke auch für Außenstehende nachweislich in Erscheinung getreten sein mag, das Juridikum, ich habe und durfte das JURIDIKUM, unser JURIDIKUM, bald auch in mein Herz schließen. Eine Beziehungskiste zu einem Medienprojekt.

Es trug sich genau gesprochen irgendwann in den frühen Neunzigern zu, als auch mir der rein verwertungsorientiert vorgekaute Stoffsalat der juristischen Fakultät nur mehr bitter aufgestoßen ist. Die tiefe Skepsis gegenüber der juristischen Herrschaftsrhetorik verlangte nach Abhilfe. Hier bot sich als erster Ausweg ein Zweitstudium an, und so zog es mich in die Soziologie, am hiesigen Institut für Sozial- und Wirtschatswissenschaften. Doch auch dort ließ mich die Zufriedenheit, die ersehnte, im Stich, wo an Stelle dessen sich der Eindruck breit gemacht hat, daß die damals ins Rollen geratenen Veränderungen (wir schrieben das Jahr 1992! und hielten uns an einem Institut für Soziologie auf!) am soziologischen Lehrbetrieb vollkommen vorübergegangen sind. Vielleicht muß ich es den personifizierten Schlaftabletten für ihre Langeweile danken, wo sie die Aufmerksamkeit nicht länger erheischt und auch die Sehnsucht nach einem besseren Studium zu stillen nicht länger in Anspruch genommen haben, daß sie mich kurzerhand in Ruhe ließen, um die Suche nach dem Sinn beruhigt fortsetzen zu können.

Ich sollte ja dann bald fündig geworden sein, und so passierte es im Laufe des StudentInnen-Streiks von 1992, daß ich dem obenstehenden abschwellenden Bocksänger, als er sich als schwallträchtiger Schallkörper präsentierte, über den Weg gelaufen bin. Er wollte gerade interessierte JusstudentInnen für eine überaus wichtige Task Force anheuern und kann sich wahrscheinlich gar nicht mehr an meine Pullmann-Kappe erinnern.

Und dieser Mann mit der rauhen Lederjacke erwies sich bald als Glücksbringer, denn er verschrieb seinem bereits an geistiger Härme leidendenden Studienkollegen einen Kuraufenthalt auf einer Redaktionssitzung. Ich durfte der Muse JURIDIKUM begegnen, die sich in Gestalt einer Zeitschrift anschickte, mich auf Jahre in den Bann zu ziehen und mir ohne Zweifel das verliehen hat, was ich geistige Prägung nennen möchte. Den Außenstehenden mag unsere Arbeit zwar immer nur als fertiges Heft in Erscheinung getreten sein, doch für mich lag das Besondere der Zeitschrift lange Zeit in ihrem Innenleben begründet, das mir als Forum für geistvolle Diskussionen und Umschlagplatz von anregenden Gedanken erschienen ist.

Reflexionen zu Grundfragen von Politik, Recht und Gesellschaft, der Möglichkeiten eines kritischen Mediums inmitten der ständig bewegter und schneller werdenden Reizvermittlung der Mediengesellschaft, eines Mediums, das den Text in den Mittelpunkt stellt und dem Bild nur eine Randbedeutung beimißt, und das schließlich seinen Gegenstand ins der Kritik am Bestehenden sieht und das Bestehende nur als eine von vielen Formen des Möglichen wahrnimmt. In der Wertschätzung dieser Thesen waren wir wahrscheinlich durchaus altmodisch, aber das im denkbar besten Sinn des Wortes.

Es wäre bestimmt vermessen zu behaupten, daß derlei Diskussionen im planenden, konzipierenden Vorfeld der Zeitschriften-Beiträge passierten und letztere stets nur das Ergebnis einer langwierigen wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Redaktionssitzung gewesen wären. Im Gegenteil, die abendfüllenden Zerwürfnisse über Theorie und Praxis, Gedanken und Meinung, Form und Inhalt, sie liefen eher nebenher, aber fanden statt und bildeten zumindest einen wärmenden Hort der bisweilen auch sehr anstrengenden Zeitungsarbeit.

Glanz und Abglanz

Als langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift, gemeinsam mit Thomas Sperlich und Maria Windhager, lag mir viel an der qualitativen Festigung des Projektes sowie am Aufbau einer Zeitschrift als institutionelle Kompetenz, die zu den gehörigen Schwächeanfällen von Politik und Rechtsanwendung den klaren Kopf beizusteuern vermochte und es dabei auch billigend in Kauf genommen hat, den Nerv von so manchem Talar oder Ärmelschiner wenn schon nicht zu ziehen, so wenigstens gehörig zu berühren und zu reizen.

Rückblickend erfüllt es mich mit großer Freude, daß es uns dabei gelungen ist, so vieles zur Sprache zu bringen. was die österreichische Rechtsweisheit nie zuvor erlebt hat, und in seiner gesellschaftspolitischen Schlagkraft immer noch nicht wirklich erkannt worden ist. Das betrifft ganz besonders den Einfluß digitaler Technologien auf den Rechtsstaat und wohl noch mehr den Einfluß des Feminismus auf die heutige Gesellschaft.

Eigentlich selbstverständlich, derartige Auseinandersetzungen an vielen Orten zu finden, sollte vermutet werden, doch wir besaßen bei beiden Themen lange Zeit und besitzen bei zweiterem vermutlich immer noch ein unfreiwilliges Quasi-Monopol im Bereich der juristischen Publikationen Österreichs.

Nicht vergessen werden sollte deshalb auch, daß sich der große Glanz, der uns bisweilen zugeschrieben worden ist, zum guten Teil auch davon speiste, daß sich unser Stück Arbeit vom Bestehenden so klar abheben konnte. Wenn das Dunkel der juristischen Zeitschriftenpublikationen ernsthaft bei Lichte besehen wird, so erweist es sich stets noch als Kartell der Geistlosigkeit, das sich zur Aufgabe erkoren hat, in Gesetzesform mitgeteilte Regierungsbeschlüsse für den Markt aufbereitet darzustellen. Und wer es in diesem Rahmen in Ansätzen riskierte, den Ball einmal in die andere Richtung zu spielen, dem wurde schnell die rote Karte gezeigt.

Im Ergebnis ist wahrscheinlich die wirtschaftliche Unabhängigkeit unseres Blattes und hier besonders die Unabhängigkeit von den etablierten Verlagen, eine Grundbedingung für unsere inhaltliche Freiheit sowie auch dafür gewesen, daß wir vie bis fünf mal jährlich Impulse für ein wenig e„manz“ipation in der österreichischen Rechtslandschaft geliefert haben.

Wenn es um die Zeitschrift im Rechtsstaat demnächst recht „stat“ sein wird — wovon mangels eines Verlages, der uns wagen will, derzeit auszugehen ist — bleibt aber noch die Frage nach dem Leben danach eine Antwort schuldig. Für die nähere Zukunft erhoffe ich mir, daß jedenfalls der „good will“ unseres Projektes so weit gewahrt wird, daß vielleicht andere Initiativen von unserer Tätigkeit zehren werden und sich der weite, immer größer gewordene Kreis der AutorInnen, UnterstützerInnen und SympathisantInnen nicht vollkommen verlieren wird. Und gerade an den engeren Kreis von uns möchte ich augenzwinkernd die Frage richten, was wir denn als nächstes zu tun gedenken, ... von 2004 ist doch da die Rede gewesen ...

... kann ja sein, daß wir uns dann leicht gealtert, mit abgetakelten Gesichtspartien und in Plastikgürtel hineingezwungenen Schwabbelbäuchen im Stile der KollegInnen von der Enterprise zu neuen Abenteuern bewegen werden, um die Suche nach intelligenten Lebensformen ein zweites Mal zu beginnen.

Erstveröffentlichung

1999 in Juridikum 1/1999
© Valentin Wedl

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