Alles was Recht ist

von Maria Windhager

1989 erschien die Juridikum-Nullnummer. Im Thema unter dem Titel: „Freunde und Helfer — Wehe, wenn sie logelassen!“ schrieb Matthäus Zinner unter dem Titel „Wer kontrolliert die Kontrollore?“ über den staatspolizeilichen Dienst, Katharina Echsel und Robert Zöchling fragten „Der Polizeistaat kommt - wer kann ihn noch stoppen?“, Thomas Sperlich warnte vor der grenzenlosen Polizei „Wovon Eurocops träumen: Polizei ohne Grenzen“ und Michaela Kovacic kritisierte die deutsche „Terrorfahndung als Vorwand für den Überwachungsstaat“. Im damals noch 20-seitigen Juridikum wurde außerdem Wolfgang Stangls Buch „Wege in eine gefängnislose Gesellschaft — Über Verstaatlichung und Entstaatlichung der Strafjustiz“ vorgestellt, über Studienreform, Bundesheer, Asylrecht und Reproduktionstechnologien (unter dem erfrischenden Titel „Babies kommen aus der Eisbox: Juristen ratlos“ von Martina Thomasberger) nachgedacht und über aktuelle Ereignisse berichtet.

Im Vorsatz konstatierten Zinner und Zöchling:

Die Unzufriedenheit wächst auf allen Ebenen: auch die Inhalte, die uns während des Jusstudiums geboten werden, nehmen viele nicht mehr kritiklos zur Kenntnis. Man/frau muß nur Zeitungen lesen um festzustellen, daß sich Probleme im wirklichen Rechtsleben meist ganz anders stellen, als uns Vorlesungen und Lehrbücher weismachen wollen. Juridikum will eine Zeitschrift für alle sein, die diese Zeichen der Zeit richtig erkannt haben.

Damit wurde bereits die grundlegende Richtung des Juridikum festgeschrieben. Damit wird aber auch deutlich, daß das Juridikum von Anfang an über ein sehr klares Konzept verfügte, dessen Ausarbeitung und präzise Formulierung wir vor allem Robert Zöchling (und natürlich seinen Vorbildern) zu verdanken haben.

Dieses Konzept möchte ich noch einmal vorstellen bzw in Erinnerung rufen. Zum einen, weil ich es nach wie vor für ein hochaktuelles und anspruchsvolles Konzept halte, an dem wir uns immerhin 10 Jahre — erfolgreich! — orientiert haben. Zum anderen aber vor allem deshalb, weil ich es für sinnvoll und erstrebenswert halte, dieses Konzept auch weiterhin im Auge zu behalten, falls das Juridikum in veränderter personeller Formation weitergeführt wird. Denn eines steht — leider — fest: Die Gruppe, die in den letzten Jahren das Juridikum herausgegeben und hergestellt hat, verabschiedet sich mit dieser Jubiläumsnummer von Ihnen. Der Aufwand für die Herausgabe des Juridikum ist aufgrund der sogenannten Umstände, die die medienpolitische Situation in Österreich im Besonderen und das verflixte Leben im Allgemeinen so mit sich bringen, für diese Gruppe schlichtweg nicht mehr leistbar. (Siehe dazu auch die Nachsätze ab S. 60). Doch dazu später.

Kultur der Auseinandersetzung

Von Anfang an ging es uns im Juridikum darum, einer fortschrittlichen Kultur der Auseinandersetzung mit dem Rechtsstaat auch hierzulande einen Raum zu schaffen, der sich etwa in der BRD, in Frankreich, in den Niederlanden etc. schon längst etabliert hat.

Das Juridikum versteht sich als Medium für eigenständiges, kritisches und originelles Denken und bietet angesichts akuter Bedrohung durch Gesinnungs- Eintopf und Bierzelt-Einigkeit einen Nährboden für geistige Freiheit und persönliche Integrität. Recht soll als Widerspiegelung gesellschaftlicher Prozesse wahr- und ernstgenommen werden, und das herrschende Recht als das Recht der Herrschenden erkannt werden. Wir gehen also davon aus, daß Recht weder wertfrei noch objektiv oder gar neutral ist. Daher geht es darum mitzuverfolgen, wie die Recht Habenden mit diesem ihrem Instrument umgehen, und darüber aufzuklären, welche reale Grundlagen rechtliche Entwicklungen haben. Durch die inhaltliche Vernetzung von fortschrittlichen JuristInnen sollten auf der Ebene des Rechts gegebenenfalls auch gesellschaftliche Entwicklungen mitgestaltet werden.

Dieser inhaltlich klare Anspruch soll im Juridikum wiederum möglichst vielfältig konkretisiert werden können: Alle, die sich mit Fragen zum Themenbereich Recht und Staat im weitesten Sinn über welchen Zugang auch immer beschäftigen, können im Juridikum ihre Überlegungen präsentieren und sollen wenn möglich miteinander ins Gespräch gebracht werden. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen bzw untereinander soll für unsere LeserInnen möglichst lesbar, brauchbar und interessant gestaltet werden.

alternativ & fortschrittlich

Das Juridikum hat sich — auch als Mitglied der Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften — immer als alternatives Medium verstanden (Siehe dazu die Stellungnahme der VAZ, Robert Zöchling und Gerhard Oberschlick in Juridikum 5/90, S. 37). In diesem Sinne wird die Vermittlung ernsthafter inhaltlicher Interessen angestrebt, die in den bestehenden Medien nicht oder nur unzureichend dargestellt werden. Fortschrittlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, daß die vermittelten Inhalte auf eine Weiterentwicklung bzw auf eine Überwindung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse gerichtet sind. Ziel ist weniger die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, sondern vielmehr das Vorantreiben eines gemeinsamen Denkprozesses. Auf diese Weise werden aus LeserInnen oft MitarbeiterInnen.

kritisch & anspruchsvoll

Die Vermittlung von kritischen Meinungsäußerungen und Informationen setzt voraus, daß diese aufgrund einer sorgfältigen Analyse des Gegenstandes im gesellschaftlichen Zusammenhang und nicht aufgrund eines ohne solche Analyse eingenommenen Standpunktes zustandegekommen sind. Der vermittelte Inhalt hat anspruchsvoll zu sein, soll also den höchsten Ansprüchen hinsichtlich der benützten Quellen und deren Auswertung sowie der sprachlichen und publizistischen Darbietung genügen.

engagiert & demokratisch

Meinungsäußerung und Informationen sind nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern dienen der Unterstützung von Personen, Gruppen, Organisationen und Bewegungen, die fortschrittliche Ziele verfolgen. Die Inhalte sollen deshalb so vermittelt werden, daß sie einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich und verständlich sind und eine aktive Teilnahme am Geschehen nicht nur ermögliche, sondern fördern.

Inwieweit das Juridikum diesen Ansprüchen gerecht werden konnte, bleibt der Beurteilung durch unsere LeserInnen überlassen. Für mich persönlich hat es sich jedenfalls gelohnt, nach diesen Kriterien Texte und AutorInnen auszuwählen und kritische AutorInnen zu gewinnen. Unvergesslich werden mir jedenfalls unsere hitzigen und fürchterlich anstrengenden Diskussionen bleiben, die wir in unserem Sommerdomizil in Laaben über Form und Inhalt anläßlich der alljährlich veranstalteten „Blattkritik“ führten. Hier wurde alles zerlegt und hinterfragt, und hier wurde auch immer wieder überlegt, wie es denn mit dem Juridikum weitergehen könnte.

Obsession und Profession

Leider konnten wir uns ja nicht nur über Form und Inhalt streiten. Wir mußten auch eine Organisation auf die Beine stellen, die das regelmäßige Erscheinen des Juridikum gewährleistete. Daß die Existenz eines Juridikum ohne unseren selbstausbeuterischen Arbeitseinsatz nicht denkbar war, wußten wir. Die Publizistikförderung stellt einen Tropfen auf den heißen Stein dar. Sie deckt nicht einmal die Druckkosten für eine Ausgabe ab.

Das Juridikum ist trotz dieser bekannten Bedingungen mit dem Anspruch angetreten, einer möglichst breiten Öffentlichkeit qualifizierte Auseinandersetzung zu bieten. Wir gingen davon aus, daß die für uns erreichbare Öffentlichkeit erstens nicht so klein ist, wie alle tun und zweitens daß sie groß genug ist, um unseren Aufwand an Infrastruktur und Arbeit längerfristig auch wirtschaftlich zu rechtfertigen. Wir meinten also gute Gründe für die Annahme zu haben, daß sich unsere Obsession auch zur Profession entwickeln läßt.

Robert Zöchling formulierte 1991 kritisch und doch selbstbewußt:

Würden wir das nicht annehmen, so sollten wir besser heute als morgen zusperren, denn mit ausschließlicher Selbstausbeutung als Freizeitgestaltung läßt sich — zumal in solch leistungsorientierter, geschwindigkeitsrauschender und hochtechnisierter Zeit — auch keine anständige Arbeit mehr machen. Wer auch nur annäherungsweise Ahnung davon hat, welchen enormen Aufwand kommerzielle und staatliche Wissenschaftsbetriebe einerseits und Medienunternehmen andererseits treiben, um ihre Produkte fragwürdigen gesellschaftlichen Nutzens mit steigender Wucht auf den Markt zu werfen und damit ihn (den Ahnenden) und uns immer vollendeter vor gesellschaftliche Tatsachen zu stellen, die selten die unseren sind, der wird einsehen, daß es mehr als ein paar klapprige Schreibmaschinen und einen — den — Computer der vorletzten Generation braucht, um sich mit einem Projekt, das nicht für den Markt, sondern für Menschen arbeitet, überhaupt noch zu behaupten.

Hätten wir besser schon vorgestern zugesperrt? Natürlich drängt sich diese Frage auf. Und viele Menschen würden sie ohne Zweifel mit ja beantworten. Manche haben ja auch die angekündigte Einstellung typisch österreichisch-mieselsüchtig dahingehend kommentiert, daß sie sich das ohnehin schon immer gedacht haben. Diesbezüglich bleibt mir persönlich wohl nur die Genugtuung, daß sie 10 Jahre lang auf ihre Bestätigung, daß „sowas“ eigentlich nicht funktionieren kann, warten mußten. Im übrigen bin ich froh, für mich persönlich diese Frage mit nein beantworten zu können. Das mag auf meine — zeitweilig durchaus obsessive — Leidenschaft für Zeitschriften bzw Medien aller Art oder aber auch auf den Spaß an der oszillierenden Gratwanderung, wie Michael Wimmer einmal die Tätigkeit der Juridikum-Redaktion so treffend bezeichnet hat, zurückzuführen sein. Es mag auch trotziger Widerstand, mit einem so anspruchsvollen Zeitungsprojekt das vielbeschworene Unmögliche möglich zu machen, durchaus im Spiel gewesen sein.

Viel wichtiger ist aber das Faktum, daß das Juridikum tatsächlich ein erfolgreiches Medium ist: Wir konnten eine — gemessen an etablierten juristischen Fachzeitschriften — ungewöhnlich hohe Anzahl von AbonnentInnen gewinnen, die auch die finanzielle Haupteinnahmsquelle ausmachen. Wir gingen also zu Recht davon aus, daß die für uns erreichbare Öffentlichkeit nicht so klein ist, wie alle tun.

Außerdem ist uns durch die redaktionelle Arbeit am Juridikum eine dichte Vernetzung mit VertreterInnen des Studiums, der juristischen Berufe, der Wissenschaft und der politischen Arbeit gelungen. Die Vielzahl unserer AutorInnen und ihrer großartigen Beiträge spricht für sich. Für die AutorInnen spricht, daß sie alle unentgeltlich für das Juridikum geschrieben haben und daß es uns nie an Beiträgen gemangelt hat. Im übrigen gilt: Um wirklich ermessen zu können, wie und warum das Juridikum so erfolgreich ist, gibt es nur eine Möglichkeit: lesen.

Es geht weiter

Faktum ist aber auch, daß die derzeitige organisatorische Konzeption zwar eine finanzielle Kraft erreicht hat, die groß genug ist, das Juridikum kostendeckend zu produzieren, aber in keinem Verhältnis zu unserem zeitlichen Aufwand steht. Es ist zwar nicht unmöglich (wir haben’s bewiesen), aber schlichtweg nicht anständig (im oben zitierten Zöchling’ schen Sinne), quasi nebenbei nicht nur die Herausgabe, sondern auch die Geschäftsführung, Produktion, Anzeigen- und Aboverwaltung, die Organisation des Vertriebes etc. einer so anspruchsvollen und umfangreichen Zeitschrift zu besorgen.

Unsere veränderten Lebensumstände zwingen uns daher, schweren Herzens die Konsequenzen zu ziehen. Damit sollte aber die Geschichte des Juridikum noch lange nicht zu Ende sein. Mittlerweile hat sich nämlich ein neues frisches HerausgeberInnenteam formiert, das nichts unversucht lassen möchte, zu einer Lösung zu finden, die es ermöglicht, das Juridikum professionalisiert weiterzuführen. Ziel ist es, einen wirtschaftlich und organisatorisch potenten Partner zu gewinnen, der bereit ist, Produktion, Geschäftsführung, Vertrieb, Anzeigen- und Aboverwaltung zu besorgen. Wir haben mit dem Juridikum ein sehr gutes Produkt anzubieten und ich bin daher optimistisch, daß wir eine neue Lösung für das Juridikum finden werden. Wir haben — gemeinsam mit Ihrer Unterstützung — 10 Jahre lang alle Krisen überstanden und wir werden auch diese Krise überstehen. Ich bitte Sie daher, verehrte Leserin und verehrter Leser, uns wie frau so schön sagt, die Treue zu halten. Wir befinden uns derzeit mitten in konkreten Verhandlungen über eine Weiterführung und werden Sie über das Ergebnis dieser Verhandlungen selbstverständlich umgehend informieren.

Im übrigen darf ich nun Ihre Aufmerksamkeit auf unsere hervorragende Jubiläumsnummer richten, die dem Anlaß entspechend besonders umfangreich geworden ist. Abschließend: Herzlichen Dank an alle unsere AutorInnen, UnterstützerInnen, SympathisantInnen und LeserInnen. Es hat uns sehr gefreut!

Erstveröffentlichung

1999 in Juridikum 1/1999
© Maria Windhager

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