Wir sind immer noch ‚dahinter‘

Zu Schlingensiefs ‚Ausländer raus‘
von Robert Zöchling

Zu Christoph Schlingesiefs „Container“-Aktion vor der Wiener Oper im vergangenen Sommer ist nun ein Buch erschienen. Es ist, insofern die Fortführung der Aktion, ein spektakuläres und spekulatives Büchlein, bei dem unklar bleibt, wer wozu „provoziert“ werden soll. Im Vorsatztext des Verlags findet sich die Aufforderung: „Lesen Sie, wie Schlingensief Jörg Haider durch Waffengleichheit besiegte“. Dieser Aufforderung kann ich nicht folgen, Sieger und Besiegte sehen anders aus. Also lese ich das Buch anders.

Die Texte, die sich in diesem Büchlein um Schlingensiefs Container versammeln, sind vor allem insofern interessant, als sie den Anlaß der Versammlung nutzen, ohne sich allzu ausgiebig mit ihm zu beschäftigen. Den bei weitem interessantesten, kritischen Beitrag zu diesem Anlaß liefert Georg Seeßlen unter dem Titel „Der Populist, der Provokateur, der fremde Blick und das eigene Bild“. Er befaßt sich in seinem Text mit der Unmöglichkeit von „Österreich“, mit der besonderen Gefährlichkeit der diese Unmöglichkeit ermöglichenden Kultur- und Heimatgemeinschaft und mit der besonderen Wahnhaftigkeit und Lächerlichkeit, die diese Gesellschaft vor allem dann hervortreibt, wenn ihre gefährliche Unmöglichkeit von „außen“, vom Ausland, bemerkt wird und sich dieses anschickt, in den höchst eigenen, volksgemeinschaftlich lieb gewordenen Verlauf und Rhythmus der sich ästhetisierend selbst aufhebenden Selbstbehauptung einzugreifen:

Österreich existiert, weil es beständig Bilder des Zweifels an seiner eigenen Existenz produziert. Daher droht sich das Projekt von Selbstaufhebung und Selbstbewahrung noch einmal hübsch grotesk auf den Kopf zu stellen: Eben dann, wenn Österreich (wieder) beginnt, an sich selbst zu glauben, fängt es an, rascher als je zu verschwinden, weil es genau seinen inneren Zusammenhalt, sein „Wesen“ verliert, nämlich eine Kultur des Verschwindens, die in der Tat einzigartig auf der Welt ist.

Oder auch eine Kultur, die nichts kultiviert, außer sich selbst, deren Wesen — „postmodern“ von alters her, also schon avant la lettre — seit jeher in einem Scheinen besteht, das beleidigt ist, wenn es von aller Welt, der es nichts zu geben hat und alles geben zu müssen glaubt, zutreffend für unwesentlich gehalten wird. Was Seeßlen als Drohung darstellt — die möglicherweise endgültige Selbstaufhebung „Österreichs“ durch „seinen Eintritt in die moderne Wirklichkeit“ —, wäre ja eigentlich ein Grund zur Hoffnung, müßte man nicht die Verlaufsform dieses Untergangs fürchten. Und könnte man an diese Selbstaufhebung glauben, die wahrscheinlicher auch nur ein Schmäh ist, auf den Seeßlen, an seinem Gegenstand hoffentlich nur vorübergehend irre geworden, hereingefallen ist.

Ebenfalls beachtlich ist der Beitrag von Diedrich Diedrichsen, der sich allerdings hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, was für eine Art von Intervention Schlingesiefs Aktion gewesen sei. Diedrichsen stellt immerhin die nahliegenden Fragen, die sonst — auch in diesem Buch — kaum gestellt werden. Und er gibt ebenso nahliegende, sehr einfache Antworten:

Richtet sich die Symbolpolitik an die Bevölkerung in einer im weitesten Sinne erzieherischen Absicht? Will sie FPÖ-Wähler/innen zur Umkehr bewegen oder anderen latent rassistischen Vertreter/innen die Augen öffnen? Dann ist Schlingensiefs eher verwirrende Aktion sicherlich nicht sehr hilfreich. Will sie vor den Augen der Welt und der ihrerseits an und um Österreich-Repräsentation bemühten Regierung auf der Unmöglichkeit, die Regierungsbeteiligung der FPÖ und die sie hervorbringenden Verhältnisse zu ignorieren, bestehen? Dann war die Arbeit äußerst produktiv.

Wochenlang wurde darüber diskutiert und auch in dem vorliegenden Buch taucht diese Geschichte immer wieder auf: Die Geschichte von den „Donnerstags-DemonstrantInnen“, die das mit „echten“ AsylwerberInnen — die sich nicht „befreien“ lassen wollten — bevölkerte, simulierte Abschiebelager stürmten und das „Ausländer raus“-Schild demolierten. Eine Geschichte, die nur in Verwirrung enden konnte und deren „double bind“ unauflöslich bleibt, nur festgestellt werden kann. Was daran reflektiert werden kann, ist die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die in den modernen Gesellschaften bestimmt, was überhaupt — nämlich „massenhaft“ — sichtbar werden kann. Auch darauf weist Diedrichsen zurecht hin und es ist nicht zu bestreiten, daß Schlingensief von dieser Ökonomie der Aufmerksamkeit viel versteht, wie auch Diedrichsen, der die klare Empfehlung ausspricht, sich auf diese Ökonomie der Aufmerksamkeit, auf diese „Inszenierung“ einzulassen:

Die Inszeniertheit ist [...] nur eine Seite, aber nicht alles an Öffentlichkeit. Von dieser etwas zu verstehen, mehr als nur technisch-analytisch, könnte eines der produktiven Ergebnisse dieser Arbeit sein. Jedenfalls zu folgern, es müsse hinter der Öffentlichkeit eine eigentlichere, uninszenierte geben, wäre fatal.

Nun gibt aber Diedrichsen selbst in der Beantwortung der selbst gestellten Frage, worin die „Container“-Aktion erfolgreich war, eine Antwort, die die ziemliche Inhaltslosigkeit des Erfolgs offen ausspricht: Der Erfolg besteht — so Diedrichsen — in dem Bestehen auf der Unmöglichkeit, eine Situation zu ignorieren. Der Erfolg ist — wie Umberto Eco das einmal in Bezug auf Fußball im Fernsehen genannt hat — „phatisch“. Eco kennzeichnete die „phatische“ Rede als eine Art kommunikativen „Grundrauschens“, das beständig Kommunikationsbereitschaft signalisiert, ohne jemals etwas zu kommunizieren. Der Zweck der Schlingesiefschen Aktion bestand offensichtlich nicht vornehmlich darin, selbst etwas zu kommunizieren, obwohl sie ausgiebig sprach und signalisierte, provozierte oder — wie es der metteur en scène lieber nennt — zur „Selbstprovokation“ anregte.

Diese Anregung zur Selbstprovokation hat immerhin interessante Texte, wie sie in dem vorliegenden Buch und in anderen Medien — nur nicht in „den Medien“ — erschienen sind, hervorgebracht. Das halte ich für einen Erfolg, wenn auch fraglich bleibt, ob es dafür so massiver „Anregung zur Selbstprovokation“ bedurft hätte. Geschrieben hätten die meisten Beiträge zur notwendigen Auseinandersetzung mit Rassismus, mit postfaschistischer Modernität oder auch Antimodernität, mit Kultur oder Kulturalisierung des Protests oder gar möglichen Widerstands, mit der ebenso notwendigen Aufhebung „Österreichs“ und anderen anstehenden Fragen wohl auch ohne diesen Anlaß werden können.

Es entstand hintenherum dann doch ein Stück „eigentlichere“ Öffentlichkeit hinter „der Öffentlichkeit“ und es ist nach wie vor darauf zu bestehen, daß es um diese „eigentlichere“ Öffentlichkeit geht. Die „neuen sozialen Bewegungen“, die inzwischen ziemlich alt aussehen, haben in den letzten — sagenwirmal — dreißig Jahren viel an „Inszenierung“ geleistet: Es wurde massenhaft „provoziert“, „sensibilisiert“, „thematisiert“, „Betroffenheit geweckt“ und unter anderen Titeln Aufmerksamkeit geschaffen. Betrachtet man, was aus dieser Aufmerksamkeit wurde, dann stellt man fest, daß sie entweder rasch verpuffte, sich anderen Attraktionen zuwandte, oder sehr fragwürdige, wirre Spuren in den Köpfen hinterließ, die für alle Absonderlichkeiten und Grausamkeiten des „falschen Bewußtseins“ Raum bieten. Die Zahl derer, die sich von der Wahrnehmung der wahren Skandale dieser Gesellschaft ausgehend auf den steinigen und mühseligen Pfad der Kritik begeben, die Auseinandersetzung und die Konfrontation mit den Grundlagen dieser Gesellschaft suchen, ist durch die verschiedenen Inszenierungen wahrscheinlich nicht wesentlich größer oder kleiner geworden. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Anläße und Gelegenheiten für gesellschaftskritische Debatten zu schaffen. Eine dieser Möglichkeiten ist die Zeitschrift, die Sie gerade lesen, eine andere Möglichkeit ist das Buch zu Schlingensiefs „Container“-Aktion oder die aus diesem Anlaß erfolgten Veröffentlichungen im Web-Medium elektrofrühstück und andernorts. Wenn es heute nicht ausreicht, einfach eine Zeitschrift herauszugeben, ins WWW zu publizieren oder Freies Radio zu gestalten, dann braucht es vielleicht Schlingensief’sche „Anregungen zur Selbstprovokation“, um überhaupt etwas erscheinen zu lassen oder die Aufmerksamkeit auf das ohnehin — noch! — Erscheinende zu lenken. Dann sind wir aber mit unseren Bemühungen um die „eigentlichere“ Öffentlichkeit ab- oder jenseits „der Öffentlichkeit“ bereits ziemlich weit heruntergekommen und sind von der Frage, wie wir mit dieser „eigentlichen“, kritischen Öffentlichkeit noch Kontinuitäten der Befassung zustandebringen können, die TeilnehmerInnen dazu bringen können, in dieser Öffentlichkeit zu verweilen, vielleicht sogar Verbindlichkeit herzustellen, also der gedanklichen Befassung und Verständigung auch demgemäße, praktische Konsequenzen folgen zu lassen, weiter entfernt denn je. Dafür kann Schlingensief nichts — aber dagegen auch nicht.

Erstveröffentlichung

2001 in Kulturrisse 1/01
© Robert Zöchling

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