Öffentlichkeit statt „Zivilgesellschaft“

Für so etwas wie Widerstand gegen die Widerlichkeit der Verhältnisse brauchen wir keine Marke zur Identitätsstiftung, sondern Öffentlichkeit als Möglichkeitsbedingung und Modus.

von Robert Zöchling

Im aktuellen Sprachgebrauch vieler Unzufriedener eines Landes, das es nie zu einer halbwegigen Zivilisation brachte, ist „Zivilgesellschaft“ zum im übrigen unbegriffenen und unbegrifflichen Schlagwort geworden, letztlich zu einer Marke, mit der den Protesten gegen eine blau-schwarze Regierung dieses Landes Identität gestiftet und für sie geworben werden soll. Die Annahme jeder darüber hinaus gehenden Bestimmtheit wäre zufällig und von den Werbenden auch nicht gewünscht. CI und PR [1] sind angesagt, nicht Auseinandersetzung und Widerstand. Der Erfolg der PR bemißt sich dann daran, daß angeblich oder tatsächlich in „den Medien“ die Marke „Zivilgesellschaft“ die Marke „Bürgergesellschaft“ aus dem Rennen geschlagen hat. Die Parteien, die gerade nicht an der Regierung sind, wetteifern darum, möglichst billig in das Franchising-Unternehmen einzusteigen. Wie die vorher schon regiert haben oder was die tun müssen und werden, um in einigen Jahren regierungsfähig zu werden, hindert nicht am Mitspielen und Mitprofitieren.

Daneben fristet ein anderes Wort sein der zivilen Realität entsprechendes, kümmerliches Dasein: Niemand beansprucht für sich, „Öffentlichkeit“ zu wollen, herzustellen oder einer solchen anzugehören. Das Wort mit dem „Ö“, nach dem alle, insbesondere „die Medien“, gieren, ist „Österreich“. Das Wort, nach dem niemand verlangt, am wenigsten „die Medien“, ist „Öffentlichkeit“.

Am Ende von Öffentlichkeit

Sinn und Zweck von Öffentlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft sind an bestimmte Fortschrittserwartungen geknüpft, die heute so erschöpft sind wie diese Gesellschaft weltweit durchgesetzt ist. Der klassischen, aufklärerischen Idee gemäß sollte sich Meinung in öffentlichem Streit um ihre wahren Gründe und vernünftigen Argumente bilden, bewähren und durchsetzen, zur volonté générale formieren und so die Lebensmöglichkeiten von — bürgerlichen, erwerbstätigen — Menschen in Gesellschaft stetig erweitern und verbessern:

Öffentlichkeit wird also [im klassisch aufklärerischen Begriff] dazu gebraucht, die vagen und vorurteilsvollen Meinungen der Privatleute zum Beschluß, zum Gesetz zu führen, anders gesagt, zur Institution, in der auch die Unterlegenen ihre Freiheit bewahrt sehen können. Deswegen sollte die Öffentlichkeit eine unaufhörliche Anstrengung sein, wie ja auch die bürgerliche Gesellschaft, die sich durch die im Widerstreit der Meinungen hergestellte volonté générale aufrechterhält, ein immerwährend auf Zukunft gerichtetes Unternehmen ist." [2]

Nun ja, so ist es nicht gekommen: Die bürgerliche Gesellschaft mag sich noch als sehr langlebig erweisen, ein immerwährend auf Zukunft gerichtetes Unternehmen ist sie insofern nicht, als die Zukunft, um die es hier ginge, nur dann eine wäre, wenn sie noch uneingelöste, außerhalb des schon Bestehenden liegende, Fortschrittsverheißungen bereithielte, aus denen die öffentliche Befassung ihren Sinn gewänne. Die bürgerliche Gesellschaft erschöpft sich heute aber zusehends in dem, was sie bereits ist, und hält keine weiteren, wünschbaren Verheißungen für das Leben von Menschen in Gesellschaft mehr bereit.

Die auf Zukunft gerichteten Ideen der Aufklärung haben sich aufgelöst in dem auf ständige Gegenwart fixierten und fixierenden Spektakel: in der Reproduktion der schieren, auf nichts als sich selbst bezogenen Warenform, die sich jeden Bezugs auf einen Zweck außerhalb ihrer selbst entledigt hat, jeden Sinn und jede Vernunft negiert und jede Kritik verhöhnt:

Das Spektakel stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität dar. Es sagt nichts anderes mehr als: ‚Was erscheint, das ist gut; was gut ist, das erscheint‘ Die durch das Spektakel geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins faktisch erwirkt hat. [3]

Wenn das Abhandenkommen von Öffentlichkeit beklagt und kritisiert wird, dann geschieht dies meist als Medienkritik. Eine Medienkritik aber, die nichts weiter als die Medien kritisieren will, bleibt Branchengeschwätz, das in ein Palaver über so etwas wie Qualitätsmanagement münden mag und den einen oder anderen Konsulentenjob rechtfertigen mag, den Gegenstand seiner Kritik aber verfehlt und unangetastet läßt. Eine Kritik der Warenform hingegen ermöglicht besser als jede von vornherein aufs symbolische Geschehen fixierte Kritik z.B. der Medien ein Verstehen des Abhebens der gesellschaftlichen Produktion und überhaupt der gesellschaftlichen Befassung in allen Bereichen in die Welt der feinen, kaum noch faßbaren Unterschiede, in die vervielfältigte Einfalt und die aufs bloß Symbolische reduzierten Differenzen, deren weitere Ausdifferenzierung schleifenartig immer wieder in sich selbst zurückläuft.

Die Durchsetzung der Warenform als Motor und Modus gesellschaftlicher Produktion und Konsumption ist die Durchsetzung des Prinzips, daß es gesellschaftlich nicht darauf ankomme, was produziert wird, sondern daß produziert wird, daß nämlich Wert produziert wird, der am Markt realisiert, also verkauft werden kann. Mit dieser Hervorhebung des Werts als Motor der Produktion wird ein zweiter Aspekt gleichsam abgespalten: der Gebrauchswert, positiv aufzufassen und zu bestimmen als die Verwendbarkeit oder „bedürfnisbefriedigende Potenz“ des zur Ware gewordenen Produkts. Zwar kommt es — nach „klassischer“ Auffassung — auf eine positive Bestimmtheit des Gebrauchswerts für die Produktion nicht an, wohl aber auf das erkennbare Vorhandensein oder wenigstens die Möglichkeit der Glaubhaftmachung eines positiv bestimmbaren und distinkten Gebrauchswerts zur Realisierung des Werts, also zum Verkauf der Ware.

Diese Voraussetzung wird aber unter der fortgeschrittenen Warenproduktion und ihrer Marktkommunikation fragwürdig: Die Distinktion der Gebrauchswerte ähnlicher Waren, die sich zur gleichen Zeit am Markt befinden wird immer schwieriger; die Distinktion einander ablösender Waren-Generationen sehr ähnlichen Gebrauchswerts wird ebenso schwieriger. Gesamtgesellschaftlich wird eine Ausdehnung des konkreten Reichtums (also der Ansammlung positiv bestimmbarer Gebrauchswerte) durch Ausdehung des abstrakten Reichtums (also der Ansammlung abstrakten Werts) immer schwieriger erkennbar.

Die letzte Konsequenz, gewissermaßen der Fluchtpunkt, dieser Entwicklung wäre die Aufhebung des Gebrauchswerts durch den Wert. Dabei handelte es sich darum, die durchgesetzte Allgemeinheit des Werts nicht durch die zunächst von ihm selbst gesetzte Besonderheit des Gebrauchswerts realisieren zu müssen, sondern durch das schiere Vorhandensein der Werterscheinungen, also Waren, die gegen die Frage nach so etwas wie positiv bestimmbaren Gebrauchswertaspekten, also etwa nach ihrer „Nützlichkeit“ oder „bedürfnisbefriedigenden Potenz“, immunisiert sind. Diese letzte Konsequenz mag insofern nicht erreichbar sein, als den Wertgegenständen ziemlich unvermeidlich und untilgbar gewisse Eigenschaften eignen, der Vorgang des Absehens von positiver Ausgestaltung dieser Eigenschaften zu einer wohlbestimmten Gebrauchsgegenständlichkeit ist aber heute bereits so weit vorangeschritten, daß er einer Aufhebung bereits sehr nahe kommt. Noch vor einigen Jahren war von „intelligenten Produkten“ oder „Nachhaltigkeit“ umso mehr die Rede, je unintelligenter und rascher vergänglich die große Masse der Waren wurde; oder im Bereich der Medienproduktion von „content providing“, je offensichtlicher und die vielen neuen UserInnen anfänglich enttäuschend das Fehlen von „Inhalt“ insbesondere im „boomenden Markt“ des World Wide Web wurde. Heute ist selbst die Beschwörung von so etwas wie „Inhalt“ lasch geworden, seine Nebensächlichkeit bereits unproblematisch für das Weiterlaufen der Vermarktung: booming without content, no problem. Wir stehen heute vor einer gewaltigen Ansammlung von Werterscheinungen, die sich einer Befragung nach ihrem Sinn und Zweck weitgehend entziehen, indem sie als symbolisches Spiel der Marken und Images, der Hipes und Musts in ihrem schieren Vorhandensein aufeinander verweisen, einander bestärken, einander unwiderstehlich machen, einander schließlich als den einzig noch gesellschaftlich verbindlichen Zusammenhang konstituieren, und zwar durch systemisch-zwanglose Ruinierung aller anderen gesellschaftlichen Zusammenhänge, etwa auf gesellschaftlich verbindlich begründbare und verhandelbare Bedürfnisse bezogenen Zusammenhänge politischer oder kultureller Öffentlichkeit. Die kritische Frage nach Sinn und Zweck gesellschaftlicher Produktion oder überhaupt gesellschaftlicher Befassung in den verschiedenen Bereichen von Politik, Kultur, Wissenschaft usw. muß nicht erst durch so etwas wie Zensur verboten werden, sie verbietet sich gewissermaßen von selbst:

Disqualifizieren parte pro toto die Konsumenten den Warenzusammenhang als zu keiner bestimmten Bedürfnisbefriedigung tauglich, so berauben sie sich damit eben dessen, was ihnen mittlerweile ihr allgemeinstes Bedürfnis, das nach Gesellschaft und Öffentlichkeit, zu befriedigen bevollmächtigt ist, d.h. sie bezahlen die Disqualifikation der Waren mit ihrer eigenen Exkommunikation, die Verbannung der Werterscheinungen aus der Klasse der nützlichen Dinge mit ihrem persönlichen Ausschluß aus der Sphäre gesellschaftlicher Wesen. Wollen die Konsumenten Zusamenhang und menschliche Gesellschaft, so müssen sie auch das wollen, was, wie die Dinge liegen, Zusammenhang monopolistisch stiftet und Gemeinschaft ausschließlich gewährleistet: die Werterscheinungstotalität des Markts. [...] Wenn auch sonst keinerlei bestimmtes Bedürfnis und Interesse sich mit dieser oder jener besonderen Werterscheinung mehr verknüpft, so jedenfalls doch das ganz allgemeine und immer gleiche Bedürfnis nach dem, wofür die Werterscheinungen in toto einstehen und was jede Werterscheinung repräsentiert, das Bedürfnis nach Kraft Warenzusammenhang synthetisierter menschlicher Gesellschaft, nach mittels Markt organisierter bürgerlicher Öffentlichkeit [...] [4]

Anders herum — und nicht bloß aus Liebe zum Sprachspiel — kann und muß man aber formulieren: Wenn jegliche Gebrauchswert-Bestimmung und jegliche Bedürfnis-Bestimmung, jede öffentliche Frage nach Sinn, Zweck und Legitimation nicht nur der Produktion sondern auch der übrigen gesellschaftlichen Befassung (etwa und insbesondere der Politik) vom gesellschaftlichen Zusammenhang negiert wird, sich von selbst verbietet, und den Einzelnen als bloße Privatangelegenheit überlassen wird, an der sie ihr Glück oder ihre Verzweiflung finden mögen, dann gibt es keine bürgerliche Öffentlichkeit mehr, sondern nur noch ausgedehnte Privatheit.

Öffentlichkeit gegen die bürgerliche

Von dieser ausgedehnten Privatheit sind auch wir und unsere kritisch gemeinten Diskussions- und Handlungszusammenhänge ergriffen. Begonnen hat es schon mit den „neuen sozialen Bewegungen“:

Zunächst waren da hunderte von Ein-Punkt-Öffentlichkeiten, versammelt um einen Sorgenknoten, den sie als spezielles Protestgut betrachteten. Diese Mikro-Öffentlichkeiten sehen ihre Modernität gerade darin, daß sie keine Verbindlichkeit herstellen wollen, und so verlaufen sie sich auch wieder. Immerhin vermögen sie für eine Weile Kompetenz zusammenzubringen, erzeugen auch noch individuelle Erfahrung und Verantwortlichkeit. Aber sie können nicht viel mehr sein als Ersatz in einer zerstörten Öffentlichkeit. Sich gerne Bewegung nennend, sind sie immun gegen Kritik, also eben gegen Öffentlichkeit. Diese Ersatz-Öffentlichkeiten, die vom ganz Besonderen her das große Ganze und Allgemeine anrufen, verblassen mittlerweile oder sind von den Institutionen zu deren Auffrischung absorbiert. Sie zogen Sympathie auf sich, aber sie haben auch viel dazu getan, daß alle Welt schlampig herumläuft und sich schlampig verhält. [5]

Den Punkt, an dem wir mit diesen „Ein-Punkt-Öffentlichkeiten“ halten, habe ich in der Einleitung markiert: Räumt man CI und PR von der „Bewegung gegen blau-schwarz“ ab, dann steht man vor dem disparaten Haufen privat gebliebener Meinungen, den es da im Grunde auch vorher schon gab. Immerhin sind aber Menschen zusammengekommen und tun das auch weiterhin. Mit ihnen wird weiterhin nur etwas anzufangen sein, wenn wir es zustandebringen, aus der ausgedehnten Privatheit der allgemeinen gesellschaftlichen und auch ihrer bisherigen, sogenannt „widerständigen“ Befassung zu öffentlicher Befassung zu gelangen, das heißt von Identitätsstiftung zu Auseinandersetzung: zu einer Art von Auseinandersetzung, in der es nicht um die Versammlung um einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ von Meinung geht („weg mit blau-schwarz“ oder auch „wi-der-stand“). Meinung, als bloße, ist immer privatistisch, insofern sie ihre verallgemeinerungsfähigen Gründe, Argumente und Konsequenzen schuldig bleibt, in privater Besonderung verharrt und damit undiskutabel, wenn auch leider meist nicht ganz folgenlos bleibt. In den zu führenden Auseinandersetzungen um die Verallgemeinerungsfähigkeit der einmal versammelten Meinungen wird es vom Besonderen ausgehend sehr rasch um das große Ganze gehen müssen: Um die Gesellschaft, die eine Regierung wie diese und auch schon die vorangegangene, ermöglicht; darum, was von politischen Parteien, die sich in einer solchen Gesellschaft um Regierungsfähigkeit bewerben, realistisch erwartet werden kann; darum, was Staat und Politik überhaupt sind und sein können; darum, wogegen sich Kritik, die eine sein will, richten muß und ob und worauf sie sich positiv beziehen kann oder soll; schließlich darum, was Widerstand bedeutet und erfordert, also darum, wie sich die Kritik, zu der man sich aufgrund geführter Auseinandersetzung verstehen kann, auch praktisch Geltung und Wirkung verschaffen kann. Solcherart Auseinandersetzung ist heute nur möglich gegen alles, was an sogenannter „herrschender“ gesellschaftlicher Kommunikation und sogenannten „etablierten“ Medien gegeben ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere eigenen Öffentlichkeiten gegen die bürgerliche, die keine mehr ist, zu bilden und die dafür tauglichen Medien zu ermöglichen.

[1Corporate Identity und Öffentlichkeitsarbeit - nähere Auskünfte bei der Wirtschaftskammer, Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation.

[2Claus Koch: Letzte Nachricht von der Öffentlichkeit, in: Kursbuch 125, Berlin, Rowohlt Verlag, 1996, S 160

[3Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, These 12, Berlin, Tiamat Verlag, 1996

[4Ulrich Enderwitz: Totale Kommunikation - Von der Marktgesellschaft zur Kommunikationsgesellschaft, Berlin, RM Verlag DiA, 1986, S 133f

[5Claus Koch: Letzte Nachricht von der Öffentlichkeit, in: Kursbuch 125, Berlin, Rowohlt Verlag, 1996, S 162

Erstveröffentlichung

2000 in Context XXI 3-4/2000
© Robert Zöchling

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