Kritik statt Sektor

von Robert Zöchling

1.

Weil viele von uns mit dem Markt immer schon ihre Probleme hatten und mit dem Staat neuerdings noch größere, möchten sie gerne in einem Zwischenraum ihr Lager aufschlagen. Der soll „Dritter Sektor“ oder auch „Zivilgesellschaft“ heißen und sich als Raum oder Feld irgendwie zwischen den Räumen oder Feldern Markt und Staat etablieren. Einen solchen gesellschaftlich zugewiesenen Ort gibt es nicht und kann es in dieser Gesellschaft auch nicht geben. Stattdessen gibt es etwa folgenden Zusammenhang: Personen und Gruppen sind eigensinnig genug, gesellschaftliche Gebrauchswerte schaffen zu wollen, die gesellschaftlich negiert werden, mag es auch ihnen entsprechende Bedürfnisse geben (etwa nach kritischen Texten, nach sozialer Versorgung der aus dem Verwertungsprozeß Ausgeschiedenen, nach Schutz vor staatlicher Verfolgung und materieller Hilfestellung für Migrantinnen und Migranten, nach selbstbestimmter Tätigkeit statt Arbeit usw.). Sobald sie das außerhalb eines privaten Bastelstübchens „draußen in der Welt“ und zum öffentlichen Gebrauch tun wollen, befinden sie sich mißlicherweise nicht in einem „Dritten Sektor“, sondern im „Zweiten Sektor“, der der erste ist: Am Markt, auf dem auch der Staat als Nachfrager auftreten kann.

Daß der Staat einige Zeit lang auch soziale und kulturelle Projekte als wünschenswerte Infrastruktur betrachtet und mehr oder weniger großzügig gefördert hatte, ist nicht zu verwechseln mit einer prinzipiellen Funktion des Staates und seiner Politik, sondern ist bedingt durch gesellschaftliche Fortschrittserwartungen, durch einen Glauben von Staat und Politik an ihre eigene Integrationsfähigkeit, mithin auch an die Integrationsfähigkeit von mehr oder weniger fundamentalkritischen Projekten und eigentlich revolutionären Ansprüchen, die es in den siebziger Jahren noch geben konnte und die es heute nicht nur in der aktuellen Regierung, sondern auch in der vorangegangenen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in einer künftigen nicht mehr gibt.

Der Staat tut seit Jahren nicht anderes, als sich von seinen positiven, soziale und kulturelle Infrastruktur erhaltenden und ausbauenden Funktionen abzumelden. Das ist im großen und Ganzen nicht der besonderen Unfähigkeit oder Böswilligkeit von Politikern und Politikerinnen zuzuschreiben — so besonders ausgeprägt und gemeingefährlich die in der gegenwärtigen Regierung auch sind — sondern der allgemeinen Unfähigkeit von Politik, sich dem erreichten allgemeinen Stand der destruktiven Dynamik kapitalistischer Vergesellschaftung zu entziehen. Insofern und in diesem Sinn ist Politik als Fortschrittsveranstaltung heute tot — genausogut kann man sagen, sie ist zombiehaft untot, weil sie einerseits nicht mehr progressiv und expansiv gestalten — also „sich rühren“, sondern nur nur noch rezessiv und repressiv verwalten kann. Dafür wird sie aber bis auf weiteres gebraucht und kann sich daher noch nicht zur in mancher Hinsicht doch verdienten, letzten Ruhe begeben.

2.

Wenn ich von destruktiver Dynamik spreche, beziehe ich mich noch gar nicht auf die Frage, ob die Kapitalverwertung in ihre finale, universelle Krise eingetreten, das Kapitalverhältnis also an sein absehbares Ende gekommen sei. Ich spreche vielmehr davon, daß die positive Dialektik der Durchsetzung des Kapitalismus erschöpft ist, also davon, daß von dieser Gesellschaft auch wenn sie sich entgegen aller historischen Erfahrung als immerwährender Selbstläufer erweisen sollte, keine Erweiterung oder Verbesserung irgendwelcher Lebensmöglichkeiten von Menschen in Gesellschaft mehr zu erwarten ist, sondern das Gegenteil.

Diese Destruktivität, die Negation all dessen, was wir uns gerne als Gesellschaftlichkeit vorstellen möchten durch die Gesellschaft, in der wir uns befinden, zeigt sich besonders kraß gerade auf den uns professionell angehenden Gebieten — sagen wir also auf dem Gebiet der Medien:

Als gespenstische Widergänger dessen, was man einige Zeit lang als „vierte Gewalt im Staat“ bezeichnet hatte — die es übrigens auch nicht zu einem „dritten Sektor“ gebracht hat, treiben sie ihr Zeichenwesen, das sich jeden Bezugs auf eine Realität außerhalb seiner selbst entledigt, jede Möglichkeit einer Realität außerhalb seiner selbst negiert und schon dadurch jeden gedanklichen Zusammenhang, jede normalsprachliche, argumentative Verständigung tötet.

Gesellschaftskritik kann heute sehr gut genau dort ansetzen, wo Medienunternehmen am Werk sind: Bei der Reproduktion der schieren, jeden Sinns und jeder Zwecksetzung enthobenen Warenform. Eine Kritik der Warenform ermöglicht besser als eine von vornherein aufs symbolische Geschehen fixierte Kritik etwa der Medien, der Kunst oder der Wissenschaft ein Verstehen des Abhebens der gesellschaftlichen Produktion und überhaupt der gesellschaftlichen Befassung in allen Bereichen in die Welt der „feinen Unterschiede“, ins Symbolische, Diverse und schwierig zu Fassende.

Das erfordert — ich bitte dafür um Verständnis — eine kurze Befassung mit der Frage: Was ist eine Ware? Kapitalismus wird und ist, insofern im Großen und Ganzen der gesellschaftlich organisierten Güterproduktion nicht bloß in irgend einer Weise unter irgend welchen Gesichtspunkten Güter produziert werden, sondern Wert-Gegenstände in einem ganz bestimmten Sinn: Nämlich Wert als zu Waren geronnene Arbeit, die am Markt gegen ebensolche zu Waren „geronnene Arbeit“ austauschbar sind. Grund der Produktion ist also die allgemeine Tauschbarkeit jeder Ware gegen jede andere Ware auf der Grundlage allgemeiner Vergleichbarkeit der Arbeitsquanta. Entscheidend für den hiesigen Zusammenhang ist die „Realabstraktion des Werts“: Also der Umstand, daß es für die gesellschaftliche Produktion nicht hauptsächlich darauf ankommt, was produziert wird, sondern daß produziert wird, daß nämlich Wert produziert wird, der am Markt realisiert, also verkauft, und dessen Mehrwert als Profit akkumuliert werden kann. Auf der betriebswirtschaftlichen Ebene daraus resultierende Maxime: Wachstum oder Untergang. Auf gesellschaftlicher Ebene daraus auch hervorgegangene, positive Aspekte des Fortschritts: Emanzipation schon von der „ersten Natur“ durch Ausdehnung der Produktion, Emanzipation auch von überkommenen Schranken und Bindungen der „zweiten Natur“, also Wegfall gesellschaftlicher Schranken mit dem ganzen Rattenschwanz an bürgerlichen Freiheiten und Grundrechten.

Mit der „Hervorhebung“ oder auch „Setzung“ des Werts als „Motor“ der Ökonomie wird ein zweiter Aspekt gleichsam „abgespalten“ oder auch „gesetzt“: der Gebrauchswert, also etwa die Beschaffenheit, die Verwendbarkeit oder auch die „bedürfnisbefriedigende Potenz“ der zu Waren gewordenen Produkte. Zwar kommt es auf einen bestimmten Gebrauchswert für die Produktion nicht an, nach „klassischer“ Auffassung kommt es aber sehr wohl auf das erkennbare Vorhandensein eines Gebrauchswerts an, um die Ware am Markt verkaufen, also den produzierten Wert auch realisieren zu können.

Diese Voraussetzung wird aber immer problematischer, womit ich mich wieder dem Kernthema nähere. Die Notwendigkeit, in immer rascherer Folge neue Waren auf den Markt zu werfen, um die Akkumulation in Gang zu halten, führt zu folgendem Problem: Es wird immer schwieriger, im geforderten Tempo handhaft-konkret, deutlich erkennbar und entscheidend Neues zu entwickeln. Die Distinktion der Gebrauchswerte ähnlicher Waren, die sich zu gleicher Zeit am Markt befinden, wird schwieriger. Die Distinktion einander ablösender Waren-Generationen sehr ähnlichen Gebrauchswerts wird ebenso schwieriger. Gesamtgesellschaftlich wird eine Ausdehnung des konkreten Reichtums durch Ausdehnung des abstrakten Reichtums immer schwierieger erkennbar.

Die notwendige Abstraktion vom Gebrauchswert ist heute so weit vorangetrieben, daß die unübersehbare Warenvielfalt die KonsumentInnen zu überfordern und zu frustrieren drohte, ihr Konsuminteresse möglicherweise erlahmen ließe, gelänge es nicht, dieses Konsuminteresse an die Warenform als solche zu binden, also an das verselbständigte Spiel der Marken und Images, der Star-Waren und des Waren-Fantums.

Das ist heute die Aufgabe der Werbung und der Medien: der Werbung als zuständiger Branche für die Kommunikation der verselbständigten Warenform und der Medien als verselbständigte Kommunikatoren dieser Kommunikation, die von ihrer Belastung mit überkommenen Gebrauchswert-Erwartungen absehen und sich distanzieren müssen, um als Waren bestehen zu können. Die fortgeschritten warenförmige Gestaltung von Medien erfordert die möglichst weitgehende Ausschaltung von Bedeutung und Sinn, gar einer kritischen Funktion, zugunsten eines mit zunehmender Ausschließlichkeit auf sich selbst bezogenen Spiels mit Texten und Bildern, das mit Schlagworten wie Infotainment bloß harmlos eingeleitet wurde und inzwischen weit darüber hinaus ist. Falls man an der zunehmenden Abwesenheit eines Bezugs des verselbständigten Zeichengewimmels auf eine Realität außerhalb seiner selbst zweifelt (schließlich wird ja in den Zeitungen und Fernsehnachrichten immer noch über etwas berichtet), prüfe man, inwieweit da nicht bloß Bezüge auf benachbarte, ebenso verselbständigte und einander stützende und der selben Ökonomie der Aufmerksamkeit frönende, symbolische Aggregate vorliegen. Das eigentliche Problem ist ja gerade, daß das warenförmig-Symbolische, nach Debord das Spektakuläre, bereits so flächendeckend die Realität übernommen hat, daß sich die Unterscheidung kaum noch treffen läßt. Will man aber stattdessen von etwas ganz Anderem reden — sagen wir einmal: vom Leben oder von gesellschaftlichen Wünschbarkeiten — dann ist das unter diesen Verhältnissen bereits ein Akt praktischer Kritik, der sich mit den Verhältnissen anlegt.

Die letzte Konsequenz, gewissermaßen der Fluchtpunkt dieser Entwicklung ist die Aufhebung des Gebrauchswerts durch den Wert. Dabei handelt es sich darum, die durchgesetzte Allgemeinheit des Werts nicht durch die zunächst von ihm selbst gesetzte Besonderheit des Gebrauchswerts realisieren zu müssen, sondern durch das schiere Vorhandensein der Werterscheinung, also der Ware, die gegen die Frage nach so etwas wie Gebrauchswertaspekten, nach ihrer „bedürfnisbefriedigenden Potenz“, immunisiert ist. Dies eben gelingt wie es scheint bislang recht gut und setzt lediglich voraus eine ausreichend große Masse an Werterscheinungen, die auf möglichst vielfältige Weise aufeinander verweisen, einander bestärken, einander unwiderstehlich machen, einander in ihrem Gesamtzusammenhang als den einzig noch gesellschaftlich verbindlichen Zusammenhang konstituieren — und zwar durch systemisch-zwanglose Ruinierung aller anderen gesellschaftlichen Zusammenhänge, etwa auf gesellschaftlich verbindlich begründbare und verhandelbare Bedürfnisse bezogenen Zusammenhänge politischer Öffentlichkeit.

Zu diesem Sachverhalt schreibt Ulrich Enderwitz in seinem Buch „Totale Reklame — Von der Marktgesellschaft zur Kommunikationsgesellschaft“, 1986:

Zwar haben die Konsumenten das gute Recht, die angebotene Warensorte wegen ihrer offensichtlichen Nutzlosigkeit, ihres in die Länge und Breite des ganzen Warensortiments erklärten Mangels an Gebrauchsgegenständlichkeit abzulehnen; aber was sie damit zugleich ablehnen ... ist die communio bonorum, die das Warensortiment als ganzes darstellt, die Synthesisfunktion, die der Warenzusammenhang als solcher wahrnimmt, das Gemeinschaft bildende Medium, zu dem sich die Werterscheinungstotalität selbst herausgebildet hat. Disqualifizieren parte pro toto die Konsumenten den Warenzusammenhang als zu keiner bestimmten Bedürfnisbefriedigung tauglich, so berauben sie sich damit eben dessen, was ihnen mittlerweile ihr allgemeinstes Bedürfnis, das nach Gesellschaft und Öffentlichkeit, zu befriedigen bevollmächtigt ist, d.h. sie bezahlen die Disqualifikation der Waren mit ihrer eigenen Exkommunikation, die Verbannung der Werterscheinungen aus der Klasse der nützlichen Dinge mit ihrem persönlichen Ausschluß aus der Sphäre gesellschaftlicher Wesen...

3.

So viel also zu den Medien. Die Politik ist dem entsprechend die Kunst des Möglichen, das nichts Bestimmtes mehr verheißen muß, sondern bloß die Ermöglichung weiterer, unbestimmter Möglichkeiten — das aber mit Bestimmtheit immer schneller und effizienter. Diejenigen, deren Leben dieweil immer unmöglicher wird, haben eben die ermöglichten Möglichkeiten nicht wahrgenommen und müssen selbst einsehen, daß sie sich damit unmöglich gemacht haben.

Auch die Rede vom „Dritten Sektor“ spielt mit just dieser Unbestimmtheit und versucht, sich damit reklamierend interessant zu machen, wobei zusätzlich offen bleibt, an wen sich die Reklame eigentlich richten soll. Selbst wenn die reklamierende Funktion des Begriffs in die Leere geht, erfüllt er jedoch zumindest eine zweite: Die eigentliche gesellschaftliche Unmöglichkeit unserer medialen und kulturellen Vorhaben zu camouflieren, uns die Einsicht, daß wir uns mit unserem Eigensinn und unserer Kritik zunehmend unmöglich machen und daß uns auch die Politik keine weiteren Möglichkeiten mehr ermöglichen wird, zu ersparen. Je offenkundiger positive, konstruktive Interventionsversuche in die Politik ins Leere gehen und je unerträglicher dieweil das Leben in dieser Gesellschaft wird, umso deutlicher wird als verbleibende, realistische — wenn man so will: sachliche — Befassung mit diesem destruktiven, immer-noch-Selbstläufer von Gesellschaft, die Kritik an seinen Fundamenten und in seiner Totalität.

Statt von einem ariden Feld („der Zivilgesellschaft“ etwa) ins andere („der Politik“ etwa) zu intervenieren, radikalisiere ich mich doch lieber und sage, worum es mir eigentlich geht: um das Gegenteil einer Gesellschaft, die alle menschlichen Wünschbarkeiten, Bedürfnisse, Beziehungen, letztlich Lebensmöglichkeiten mit zunehmender Radikalität negiert. Statt durchaus den Geist der Politik (eventuell im Wege der Zivilgesellschaft) retten zu wollen, sollten wir uns lieber darauf konzentrieren, uns selbst, unsere dieser Gesellschaft zuwideren Ansprüche und unsere demgemäß kritischen Geister zu retten. Die Möglichkeit — nein: die Notwendigkeit — zu solcher Radikalisierung der Kritik eröffnet sich überall, wo die Intentionen der Handelnden an den Zumutungen dieser Gesellschaft verunglücken: Viele Aktivitäten, die sich gegenwärtig noch als „zivilgesellschaftliche“ Komplemente des Staates verstehen, nach Institutionalisierung an einem gesellschaftlich zugewiesenen Ort und nach staatlicher oder „zivilgesellschaftlicher“ Remuneration trachten, verunglücken schon jetzt an diesen Einordnungsversuchen: in Sachen Remuneration oder in Sachen Kritik oder schlimmstenfalls in beiden Belangen.

Worauf sich der Versuch einer nachholenden Zivilisierung Österreichs stützen sollte, vermag ich nicht zu sehen. Was in Österreich gerade — und entgegen aller gegenteiliger Rede durchaus demokratisch — Regierung geworden ist, steht rückwärts betrachtet in Kontinuität zur vormaligen Regierung und vorwärts betrachtet zu dem, was in ganz Europa noch zu erwarten ist. Die Wahlmöglichkeiten sind in allen entwickelten Demokratien minim und es weist nichts darauf hin, daß es gerade in Österreich anders sein könnte. Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und sozialer Fortschritt werden wohl auch weiterhin Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und sozialer Fortschritt heißen — ändern wird sich nur das Leben unter ihnen, und das wird uns an Zivilisations-Dekonstruktion nichts schuldig bleiben. Solcher faktischer Dekonstruktion ist nicht Begriffs-Rekonstruktion oder Symbol-Rekuperation entgegenzuhalten, sondern Kritik und Widerstand.

Was es statt so etwas wie eines „Dritten Sektors“ tatsächlich gibt, ist ein täglich wachsender Haufen entwerteter Gebrauchswerte, frustrierter Bedürfnisse, negierter gesellschaftlicher Möglichkeiten und eine unbestimmte Zahl von Menschen, die diese Wünschbarkeiten ihrer gesellschaftlichen Entwertung und aktuellen Unmöglichkeit zum Trotz aufrechterhalten, hochhalten, vorantragen, jedenfalls eigensinniger Weise an ihnen festhalten. Sofern und so lange es noch oder wieder Menschen gibt, die diesem Trümmerhaufen kapitalistischer Vergesellschaftung zu Geltung und Leben, Bestand und Zukunft verhelfen wollen, die weder sich noch andere der Aufrechterhaltung der Verwertungsbedingungen, schon gar nicht für die hier Eingeborenen, opfern lassen wollen, gibt es zwar keine in dieser Gesellschaft zugewiesenen Orte, an die wir uns begeben, aber doch Haltungen und Verhaltensweisen, zu denen wir uns verstehen und auf die wir uns beziehen können.

Als prekäre und widersprüchliche Akte praktischer Kritik sind unsere Vorhaben darauf angewiesen, in den bestehenden Verhältnissen, also „am Markt“ stattfinden zu können und sie zugleich in möglichst vielen respektive für zentral gehaltenen Aspekten zu kritisieren und sich ihnen zu widersetzen. Auf das Thema „kritische Öffentlichkeiten“ bezogen handelt es sich um die Bemühung Medien gegen die Medien zu schaffen. Daß dabei auch wieder Medien herauskommen, ist der Schaden, mit dem wir bis auf weiteres leben müssen. Das bedeutet: Wir müssen uns auf unabsehbare Zeit auf den gegebenen Bestandsgrundlagen bewegen (also Abos und Inserate verkaufen, auch Förderungen annehmen, sofern überhaupt welche geboten werden und sich die Frage ob und welches Geld stinkt überhaupt stellt) und wir müssen uns diesen Bestandsgrundlagen widersetzen, so weit wir es vermögen und unsere Projekte das aushalten. Widersetzen bedeutet einerseits, sich dem Waren-Format in Inhalt und Gestaltungsweise zugunsten von Inhalt und Gestaltungsweise zu entziehen und andererseits, diese Bestandsgrundlagen, die unsere bis auf weiteres einzige Ermöglichung und zugleich unsere größte Beschädigung sind, auch explizit zu kritisieren. Das ist auch eine Vermittlungsaufgabe im Hinblick auf folgenden Sachverhalt: Die einzigen HoffnungsträgerInnen solcher kritischer Projekte sind LeserInnen, HörerInnen, SeherInnen, UserInnen, die so etwas kaufen und unterstützen, ohne sich dabei bloß als KonsumentInnen zu betrachten oder zu wollen.

Die strategisch entscheidende Frage wird sein, wie es uns gelingt, in Arbeit und Konsum verstrickte Mitmenschen für solch fundamentalkritische, sich dem Waren-Format so weit wie möglich entziehende und inhaltlich an dieser Gesellschaft kaum ein gutes Haar lassende Befassung zu interessieren. Die ersten, die sich für entscheidende, reale gesellschaftliche Veränderungen interessieren lassen, werden wohl die KonsumentInnen sein, die zu profunder Frustration noch fähig sind und sich nicht mit einem „besseren“, „differenzierteren“ Konsumbewußtsein beruhigen lassen. Oder auch die „unglücklichen“ oder Nicht-WählerInnen, für die die kleineren Übel auch keine Motivation zur Politik mehr bieten.

4.

Nicht alles, was da frustriert und verunglückt ist, wird auch schon in einem wünschenswerten Sinn fortschrittlich sein. Wir selbst auch nicht: Überall dort, wo wir über diese Gesellschaft nicht hinaussehen und -denken können (also so gut wie überall), greifen wir zum Teil rückwärts gewandt auf die besten Formen zurück, die uns die zivilisierte Gesellschaft hinterlassen hat. Wie ich halbernst zu sagen pflege: Alternative Medien sind die letzten, die bürgerliche Öffentlichkeit noch herstellen und hochhalten, auch wenn sie darüber hinaus wollen müssen. Das ist nicht nur eine formale Angelegenheit, sondern sollte auch Inhalt der Befassung im Heft (in unserem Fall auch Radio) sein. Wenn wir mit unseren kritischen Vehikeln auch noch politische Effekte erzielen können, sollten wir auch das nicht kategorisch von uns weisen: Je mehr menschliche Lebensmöglichkeiten dieser Gesellschaft nicht bloß metaphorisch geopfert werden, umso notwendiger ist es, „dem Staat in die Arme zu fallen“, wie Gerhard Oberschlick als FORVM-Herausgeber forderte und tat. Wenn dieses „In-die-Arme-fallen“ in und mit Politik möglich ist, soll es geschehen — wenn es nur ohne und gegen Politik möglich ist, muß es erst recht geschehen.

5.

Den Begriff „Dritter Sektor“ halte ich schon aus den vorhin angeführten Gründen für unpassend. In den vergangenen Wochen erlebte der auf unbestimmte Weise damit in Zusamenhang gebrachte Begriff „Zivilgesellschaft“ eine ebenso bemerkenswerte wie fragwürdige Konjunktur. Bei Chantal Mouffe, die zum Zivilgesellschafts-Pop via Falter beigetragen hat, geht die hegemoniale Großherzigkeit so weit, auch einen „guten“ Patriotismus unter ihre Fittiche nehmen zu wollen. „Patriotismus“ ist nichts anderes als ein Diminutiv für Nationalismus und der ist nichts anderes als der staatlich verfaßte Rassismus. Das von allen — immerhin revolutionären — Problemen, mit denen sich Gramsci noch redlich herumgeschlagen hatte, befreite und begrifflich entleerte Wort Zivilgesellschaft soll dem Widerstand gegen die blau-schwarze Regierung Identität stiften — dagegen möchte ich mich allerdings verwehren. Meine Sache ist nicht ein „besseres Österreich“, sondern etwas besseres als Österreich. Ich bin nicht das Volk, sondern für etwas besseres als ein Volk. Und auch sonst gibt es mit denen, die dieser Wochen widerständig auf die Straße gehen, mehr an Auseinandersetzungsbedarf als an voraussetzbarer Einigkeit. Bei den vielen Demonstrationen gegen die neue, aber dann doch nicht so neue Regierung hefte ich mir den Aufkleber „Widerstand“ vorbehaltslos auf die Jacke. Darin möchte ich mit den anderen TeilnehmerInnen jedenfalls gerne und über den aktuellen Anlaß hinaus verbunden sein. Es ist wohl gerade in einer Zeit, in der einiges in Bewegung gerät, angeraten, sich vorschneller Identitätsstiftung zu enthalten und stattdessen nach Wegen zu suchen, die Auseinandersetzung aufrechterhalten, entwickeln und sich entfalten lassen zu können.

6.

Wir sind in den vergangenen Wochen auf einer spektakulären Welle des Widerstands mitgeschwommen. Die Aufgabe lautet, aus der spaktakulären Aufmerksamkeit so viel wie möglich in eine nicht-spektakuläre Aufmerksamkeit hinüberzuretten. Also: Möglichst viele nachhaltig für die Öffentlichkeiten, die wir herstellen und in denen wir uns bewegen, zu interessieren, dem angezeigten Auseinandersetzungs-Bedarf bei entsprechendem Interesse Auseindersetzungs-Möglichkeiten zu bieten. Die Aufgabe ist nicht, das Spektakel zu prolongieren oder immerfort zu bedienen — das können Parteien, Gewerkschaften und „die Medien“ ohnehin besser. Die Aufgabe ist auch nicht, im alternativen Bereich alle Strukturen neu zu erfinden oder umzukrempeln. Die Aufgabe ist, unsere vorhandenen Strukturen gezielt und koordiniert einzusetzen, um Kritik und Widerstand weiterhin zu ermöglichen und womöglich auszuweiten. Gezielt meint, daß wir unsere beschränkten Ressourcen auf das jeweils für wesentlich befundene konzentrieren sollten: Bevor wir weitere, spektakuläre Aktionen ersinnen und uns fragen, wie viele Leute wir noch auf welche Plätze bekommen können oder wie viele Unterschriften wir für welches Begehren sammeln könnten, sollten wir uns fragen, an welchen Stellen der Gesellschaft Widerstand am dringendsten nötig ist, was wir aus unserer bisherigen Befassung dazu beitragen können und welche auch perspektivisch interessanten Bündnisse mit jeweils anderen kritischen und widerständigen Projekten sich daraus ergeben könnten.

7.

Es gibt keine Öffentlichkeiten, es sei denn, wir schaffen sie selbst. Die selbstgeschaffenen sind auch unzulänglich — statt aber irgendwelchen Tages- oder Wochenzeitungen hinterherzurennen, sollten wir an der qualifizierten Nutzung und Verbesserung der eigenen, alternativen Medien arbeiten. Wir tun das, indem wir uns sowohl im kritischen Inhalt als auch in der LeserInnenschaft um Verallgemeinerung, also um ein Heraustreten aus quasi-fachlicher und quasi-zielgruppenhafter Spezialisierung bemühen. Ich sehe das als eine Aufgabe, die heute jedem alternativen Medium aufgegeben ist, zumal in den letzten zehn Jahren die wenigen alternativen Zeitschriften, die eine gewisse Allgemeinheit und Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen konnten, eingestellt wurden. Die Kategorie „Zielgruppe“ zur Bezeichnung von LeserInnen sollte sich ein alternatives Medium eigentlich gänzlich verbieten. Es wird auch erforderlich sein, die Möglichkeiten zu aktueller Information in den eigenen Medien zu verbessern. Ein bemerkenswertes Beispiel für „good practice“ ist — bei aller möglichen Kritik — Andreas Görgs täglicher e-Mail-Dienst, dessen Bezeichnung „medienunabhängiger Nachrichtendienst“ mir auch programmatisch sympathisch ist. Und wir haben unsere freien Radios, die ein Stück Verallgemeinerungsleistung bringen und Aktualität ermöglichen können, wenn sie qualifiziert genutzt werden. Radio Orange in Wien hatte in den letzten Wochen beinahe das Monopol der Widerstands-Berichterstattung im audio-visuellen Bereich, was auch wahrgenommen wurde und die Aufmerksamkeit für das freie Radio gesteigert hat. Es sollte auch weiterhin klar sein: Wer solche Information und Diskussion bekommen will, muß solches Radio hören und solche Zeitschriften lesen. Die Erwartung, auch nur annährend solche Information und Diskussion aus anderen Medien beziehen zu können, muß zerstreut und eines besseren belehrt werden, wo sie angetroffen wird.

Erstveröffentlichung

April 2000 in Gerald Raunig (Hg.): sektor3/kultur - Widerstand, Kulturarbeit, Zivilgesellschaft, Wien, IG Kultur Österreich, 2000
© Robert Zöchling

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