Léo Ferré I

Amour anarchie

Sendungsgestaltung: Alexander Schürmann-Emanuely
Léo Ferré: Amour Anarchie

Alexander Schürmann-Emanuely mit Musik von und Worten zu Léo Ferré.

Die nächste Stunde gehört Léo Ferré. Das erste Lied: „T’as payé“ — „Du hast gezahlt“. Für alles hast du gezahlt: für das Recht, Dreck zu atmen und dich verblöden zu lassen. Du hast gezahlt — vielleicht, weil du Geld hast. Und wenn du zur Wahl gehst, dann vielleicht weil du die Wahl hast?

  • T’as payé

Mit Poesie, Witz und einem liebevollen Haß sang Léo Ferré gegen die Gesellschaft als Mißstand. Vom Kassenschlager bis zur Vertonung surrealistischer Gedichte ließ er nichts aus, um die Poesie auf die Straße, die Revolte in die Ohren zu bringen.

„Paris Canaille“, ein Kassenschlager der 50-er Jahre.

Léo Ferré braucht, will und wünscht uns weder Gott noch Herr. Er braucht die „Graine d’Ananar“, die Saat der Anarchie. Er wünscht uns Arthur Rimbaud oder die Anarchisten Barcelonas. Er will die Freiheit oder den Tod, ganz ohne Pathos. Und wenn die Utopie gar nicht so utopisch ist und die künstlichen Paradiese Baudelaires gar nicht so künstlich? Seid realistisch und verlangt das Unmögliche!

„Ni dieu ni maître“ — „Weder Gott noch Herr“, danach „Graine d’Ananar“ — „Saat der Anarchie“ und „Les Anarchistes“.

Ein Grund der Revolte: der Krieg. Léo Ferré erinnert oft an das, wozu Menschen fähig sind, meistens auf sarkastische, im nächsten Chanson, „Tu n’en reviendras pas“ — „Du wirst nicht mehr zurückkommen“, eher auf traurige Weise.

Das Gedicht Louis Aragons erinnert an jene die geglaubt haben, alles sei nur ein Albtraum, und nicht wußten wohin und woher.

Du wirst nicht mehr zurückkommen — du, der du den Mädchen nachranntest, junger Mann dessen Herz ich sah, nachdem ich das Hemd zerrissen hatte. Und du auch nicht, alter Schnapser. Schon denkt sich der Grabstein eure Namen, schon seid ihr goldene Worte auf unseren Plätzen, schon verwischt sich die Erinnerung eurer Lieben, schon seid ihr nur noch um krepiert zu sein.

Aragon wurde nach seinen Erlebnissen als Arzt im ersten Weltkrieg Dichter. Ferré — nach seinen Erlebnissen — auch.

Den Duft des Vergessens, das Lächeln der Tränen, das Gold meiner blutigen Kehle wenn ich die Liebe beschreie, die Rosen der Hölle, die Traurigkeit der Waffen, die Ahnung der Verurteilten unter den Pflastersteinen der Höfe, Stalins Universum zugeschüttet mit Gitarren, die Tugend der Huren in einer Sektflöte am Boden, den Traum eines in einer Hacke verankerten Schiffes, den Stern des siebenten Himmels im Untergeschoß: keiner wird dir das jemals zeigen können.
Das Reich der Spielsachen im Plastiksack, den stärksten Grund in einem gepanzerten Sarg, den Traum einer im Atlantik verlorenen Blume, Dantons gestichelt geschriebenen Terror, die Angst des Pferdes vor der Guillotine, den Pullover dieser Strickerin im Schlachthof, die Farbe deiner Augen auf dem Arsch deiner Nachbarin, die verlorenen Spuren dieser Liebenden auf dem Gehsteig: keiner wird dir das jemals zeigen können.
Meine violetten Augen hundert Millionen Lichjahre fern, die Sonne Van Goghs hinter einer Sonneblume, die Kratzer des Absurden auf deiner Pantherhaut, die stillen Küsse des Gesangs der Nachtigall, den Hintergedanken des Zufalls beim Fallen eines Dachziegels, den Geruch des Waldes in einer Zeitung, eine Pershing-Rakete in einem Taubennest, den Traum der Freiheit in einem Siegespokal: keiner wird dir das jemals zeigen können.
Und wenn wir sie samt den Lügen doch einmal abwerfen könnten in den Ebenen des Jenseits. Diesen Siegern sagen sie können sich schleichen — und auch der anonymen und eifersüchtgen und endgültig verlassenen Macht, jetzt wo wir sie kennen mit ihren Namen im erhabenen Computer, mit Zahlen.
Und dann der Monat Mai, Mai ’68, der wiederkommen wird — wiederkommen wird wie ein Reim, ganz gereimt, vielfach, weil sie dir dann gezeigt werden können, weil — wenn du willst — sie dir dann gegeben werden können.

Das Leben ein Traum. Doch wenn es ums Lieben geht wird der Traum Wahrheit — mehr noch: Realität. Die Liebe ist das obskure Glück und das klare Leid, ist Delirium, Blendung, Illusion manchmal, Verletzung immer. Und mit der Zeit, mit der Erinnerung, flieht Mensch in den Elfenbeinturm. Doch ist die Liebe der erste Schritt zur Einladung zum Reisen in eine bessere Welt, der erste Schritt, seine eigene Realität mit jemandem anderen zu leben. Eine Welt bewohnt mit Gesang — Elsa, meine Liebe meine Jugend. Wir verpassen das Ende der Welt, meine Liebe.

Und wenn mit der Zeit doch alles schiefgeht, dann vergeht alles mit der Zeit — und es bleibt nur die Erinnerung und das Meer. „Elsa“ von Louis Aragon, danach „Avec le temps“ — „Mit der Zeit“ und „La mémoire et la mer“ — „Die Erinnerung und das Meer“.

Es gibt aber auch anderes im Leben zu besingen, das scheinbar weniger revolutionär als Liebe, Freiheit und Poesie ist. Und weil vielleicht unter denen, die jetzt zuhören, auch ein paar sind, die im fortgeschrittenen Alter Klavierspielen lernen: Mein Klavier, dein Klavier, sein Klavier.

Mensch wacht, denkt, an alles, an nichts, schreibt Gedichte, Prosa — Mensch muß basteln, wenn er auf den Tag wartet. Und ich, Alexander Schürmann-Emanuely, bastle schon wieder an der nächsten Léo Ferré-Stunde.

Übrigens: Macht niemals Marketing!

„Blues“ von Louis Aragon, danach „Les copains de La Neuille“ — „Die Kumpel von La Neuille“ und „Les vieux chagrins“ — „Die alten Sorgen“, ganz ohne Inszenierung, direkt von Herzen.

Erstveröffentlichung

2000 in Radio Orange 94,0
© Alexander Schürmann-Emanuely

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Cahiers d'études Leo Ferré, N° 9 : Amour anarchie (Cahiers d Etude)

Collectif
Petit Véhicule, Taschenbuch, Französisch, ISBN: 2842734289, März 2005

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