„Abschwellender Bocksgesang“

von Michael Wimmer

Vor mehr als zehn Jahren, als Worte wie Aktions- und Streikkomitee, Kampf für demokratische Hochschulen noch den jugendlichen Schmiß des Schlagwortes hatten, als anläßlich der Vorbeben der ersten Sparpakete Studierende auf die Straße gingen, da waren auch Studierende der Rechtswissenschaften mit von der Partie: Unter die Lodenmantel- und Burberryträger (was trug man damals im 18. Bezirk noch schnell?) mischten sich ein paar Lederjacken, nach oben hin malerisch von Palästinensertüchern und/oder Baskenmützen abgeschlossen. Darunter waren die Leute, die das Juridikum gegründet haben (Ja, Martina, ich weiß, nicht nur Lederjacken und Palästinensertücher). Hätte man uns damals prophezeit, welche intellektuellen, sozialen und politischen Zumutungen noch auf uns zukommen, wir hätten die Hiobsboten bestenfalls für irre gehalten. Und wir hätten es wohl kaum für möglich gehalten, welche Erfolgsstory wir mit dem Blatt schreiben würden. Damit scheint es nun fürs erste vorbei zu sein. Das Juridikum stellt mit dieser Nummer sein Erscheinen ein.

Eine Liebeserklärung

Natürlich haben wir immer an unsere LeserInnen, an die kritische Öffentlichkeit, die noch nicht ganz verderbten und abgestumpften KolegInnen gedacht. Aber die Sache zusammengehalten hat nicht nur, daß wir von ähnlichen Idealen beseelt waren/sind. Wir hatten/haben uns ganz einfach gern, die eine mehr, den anderen weniger. Suche ich nach Erklärungen, wie man über zehn Jahre lang ohne Bezahlung derartigen physischen und psychischen Streß aushält, dann fällt mir nur Liebe oder Schwachsinn ein.

Und wir haben das Juridikum auch unser Baby genannt — la cosa eben.

Jetzt hätte ich beinahe „Da stellt sich natürlich die Frage: alles umsonst?“ hingeschrieben, aber diese Frage stellt sich eben nicht. Wir würden es wieder machen. Denn was uns schön, was uns erhaben machte/macht, war/ist eben dieses maßlose Aufbegehren gegen die fühllosen Widersinnig- und Ungerechtigkeiten. Und ich denke, wir haben uns das dermaßen angewöhnt, daß wir als gute BürgerInnen unserer Gesellschaft nur mehr bedingt zu gebrauchen sind. Konsequent zwischen die Stühle gesetzt, die Latte immer zu hoch gelegt — das prägt.

Wer aber ist die Partei?

Bei Licht betrachtet: Welches Spiel haben wir gespielt: Mahner und eindringliche Warner derjenigen politischen AkteurInnen, die noch nicht ganz vergessen haben woher, wofür und warum? Wen hat es gekratzt, wenn wir in Kritik und Konzepten State of the Art darstellten? Haben wir uns zu lange über die Spielregeln unterhalten, anstatt das Spiel zu spielen? Oder sind Fragen wie diese schon die Vorstufe zu einer Wirklichkeitstüchtigkeit, vor der uns vor zehn Jahren so gegraut, deren ProponentInnen wir Zyniker geheißen haben? Verlieren wir uns als Gruppe — werden wir noch vom Stehen auf der falschen Seite sprechen? Die Antwort haben wir uns meines Erachtens schon bei einem der Laabener Treffen (für die Uneingeweihten: Wir haben uns jedes Jahr in Laaben ein Wochenende zur Planung und Konzeption des nächsten Jahres getroffen) gegeben: Wir gehen rein — wir wollen mitspielen und dabei in Kontakt bleiben. Klingt zugegebenermaßen wie ein „Marsch durch die Institutionen“ — Spätlese, aber kann sich jemand nach den zehn Jahren vorstellen, jetzt auf einmal untätig zu bleiben? — Eben.

Was tun?

Wir brauchen eine Zeitung, hieß es, und eben die verlieren wir jetzt als kollektive Organisatorin. Die privaten Beziehungen alleine werden es nicht tun — deshalb möchte ich einen Vorschlag machen: Warum nutzen wir nicht die Möglichkeiten der Neuen Medien und treffen uns in einer Newsgroup oder auf einer Homepage, oder um ganz am Boden zu bleiben, wieso laden wir nicht die p.t. InteressentInnen ein, sich auf einer E-Mail-Verteilerin zu subskribieren, evt. schon nach Neigungen (nein — nicht so) und Interessen aufgeschlüsselt? Ich z.B. interessiere mich momentan für Elektronische Medien.

Auf bald.

Erstveröffentlichung

1999 in Juridikum 1/1999
© Michael Wimmer

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